rezeptpflichtig
von Ilana

 

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Und von jetzt an wirst du mich immer krank sehen. Wenn ich morgens aufwache und blass bin, wirst du fürchten, etwas sei nicht in Ordnung. Wenn meine Wangen ob der Hitze der Nacht gerötet sein sollten, wirst du annehmen, ich habe Fieber und wirst dich Sorgen.
Ab jetzt werden wir nicht mehr lachen, über die Schwachen und Minderbemittelten, denn du wirst denken, du müsstest Rücksicht nehmen. Du wirst mich nicht im Regen einkaufen schi-cken oder die schweren Tüten alleine vom Auto in die Wohnung tragen lassen, weil du nicht Schuld sein willst, sollte etwas sein.
Du kannst gar nicht formulieren, was wohl passieren könnte, kannst dir ein Unglück nicht ausmalen, fühlst es dich aber ständig bedrängen. Du sitzt und wartest bis etwas passiert, dass dich aus der Bahn werfen und mich zerstören wird.
Du wartest auf das Ende obwohl wir unseren Anfang gerade erst gemacht haben. Ein Ver-fallsdatum auf meiner Stirn.
Von nun an denkst du nicht mehr an eine gemeinsame Zukunft sondern daran, was du machst, wenn ich nicht da bin. Nicht gar nicht mehr da, nur für einen Moment ausgeschaltet.
Du wolltest mich nie auf meinen Körper reduzieren, nun wirst du nichts anderes mehr tun, als mich durch eine Unzulänglichkeit meines Körpers zu identifizieren. Du wirst nicht mit mir leben, sondern mit einer Krankheit, die dir abends vor dem Schlafen gehen in die Augen blickt und dich daran erinnert, dass du vielleicht allein aufwachen wirst. Du wirst im Bett lie-gen und nachts nicht einschlafen können, weil du meinem Atem lauschst. So nah drückst du mich im Schlaf an dich, dass du mein Herz pochen hörst.
Schließlich bin nicht ich krank sondern du. Nicht ich bin es, die zerbricht, sondern du zer-brichst an mir. Ich bin deine Krankheit, habe dich infiziert und will dich nicht heilen. Ich will ein Teil von dir sein und deinen ganzen Körper befallen

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