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von riemsche

 

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Wenn Einheimische zum gemütlichen Sit-in laden -und das passiert dir in Indien alle Nase lang- wenn sie dann dafür hart bespannte Holzbetten ins Freie stellen, Familie Nachbarn und Freunde im Kreis um dich versammeln und viel von dir wissen wollen - dann wird er serviert. Ist man länger als fünf Minuten in einem Geschäft, dauert das Feilschen um ein edles Stück ein bisserl länger, ist das Warenangebot mit dem dich der Verkäufer überhäuft so umfangreich, dass du beinahe darunter begraben wirst - für ihn ist immer noch ein Plätzchen neben dir frei. An jeder Straßenecke brodelt er in riesigen Töpfen, Händler mit tragbaren Rundgestellen bringen ihn unter die Leute in den Marktgassen. Sein Duft vermischt mit dem von Räucherstäbchen, dampfenden mit Gemüsebrei gefüllten Teigtaschen, süßlichem Wasserpfeifentabak und Kameldung in lodernden Feuern vor Nomadenzelten dominiert die geschäftigen Morgenstunden.

Nur simplen "Chai" zu bestellen reicht in Indien noch nicht, um wohlduftenden, mit Ingwer, schwarzem Pfeffer, Zimt, Nelken und noch mehr gewürzten Schwarztee mit eingerührter Milch zu kriegen. Unkundige erhalten dann nur simplen Milchtee, wässrig, von undefinierbarer Farbe und wundern sich, warum der Inder am Nebentisch den Inhalt seines Glases auf die Untertasse schüttet. das Getränk von dort aus lautstark schlürfend zu sich nimmt und dazu eine kleine Schüssel kalten Bohneneintopf mit viel Zwiebeln löffelt. "Local Breakfast" argumentiert Dilip, mein Taxidriver verschmitzt und legt für dieses seltsame Morgenmenü vier Rupies (= 7 Cent) auf den Tisch. Ich berappe für meinen automatenverdächtigen Nescafe das 10fache - es lebe der Heimvorteil.

Um etwas nach Art des Hauses gewürzt zu erhalten, gibt es das Zauberwort "masala". "Masala-Chai please" lautet die Parole, um einen neuen Tag in Indien mit einem heißen Glas der Superlative zu begrüßen. "Masala" ist aber auch - Curry. Wobei die indisch-kulinarische Variante rein gar nichts mit dem immer gleich sattgelben Pulver zu tun hat, das dir der Würstelstandbesitzer zuhause über den grob zerschnippelten Schübling pudert. Jeder Haushalt, jedes Restaurant, jeder Garküchenstand in Indien hat sein Masala-Curry-Geheimrezept und keiner verrät dir die Namen der zig Gewürze seiner Hausmarke oder zu wie viel feinen Anteilen man sie mischt. Obwohl nach längerer Testphase kreuz und quer durch nicht mehr enden wollende Speisekarten irgendwann einzelne Gerichte zu hmmmmFavoriten avancieren, ist jede namentlich gleiche Speise -je nachdem wo eingenommen- immer eine Überraschung. Da verwandelt sich auch mal ein als bisher mediumspicy -fast harmlos- eingestuftes Essen beim nächsten Versuch in ein flammendes Inferno mit Spätzündereffekt. Allerdings - so scharf die Angelegenheit dann auch wird - der Eigengeschmack all der guten Sachen, die da stets knackig und in satten Farben auf dem Teller landen, geht nicht verloren. Ich gebe zu, dass auch mein Rachen des öfteren dem eines reinkarnierten Drachen glich - aber Reis und Naan, leckeres Fladenbrot aus den dicken Lehmöfen plus literweise bottled water erwiesen sich im Extremfall immer noch als die besten Feuerlöscher.

Ich musste daher lächeln, als einer meiner Reisekameraden -in den ersten Indientagen von uns noch liebevoll mit "Plain-Rice-Esser" tituliert und seinen Verdauungstrakt sorgsam hütend, dann aber immer mutiger werdend- beim Rückflug fast demonstrativ sein Pfeffersäckchen und das seiner Frau über das typisch europäisch sanft gewürzte Air-India-Menü stülpte. Entzugserscheinungen ??

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