india_5
von riemsche

 

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In Rajasthans meist 100% vegetarischen Restaurants ist es völlig normal, dass zum Zeitpunkt deiner Bestellung nicht unbedingt alles dafür Erforderliche verfügbar ist. Das quirlige Personal ist darauf eingestellt und hat Beziehungen zu jedermann in Reichweite schneller Füße wenn es darum geht, von irgendwoher eiskaltes Coke oder frische Zutaten aufzutreiben. Mehr Platz für Gäste statt Kühl+Stauraum zu haben funktioniert, wenn man weiß, wie man wo was schnell bekommt und ist eine für alle Beteiligten lukrativ-kommunikative Auslegung gesunder Nachbarschaftshilfe in einer ihrer wohl reinsten Form.

Fragst du irgendwen nach dem Weg, zeigt der dir nicht nur die Richtung, sondern begleitet dich nach Möglichkeit dorthin. Bist du dann -zu wissen bedeutet nicht immer dasselbe meinen- immer noch an der falschen Adresse, ist dein stets gut gelaunter Pfadfinder "joking is good for health" schon bemüht, einen Ortskundigeren zu finden. Um Orientierungsläufe dieser Art zu vermeiden, schwingt man sich am besten auf den Rücksitz eines Auto/Motorrad/Tuktuk oder Fahrradtaxis. Was ungeplante, sehr ausgedehnte Stadtrundfahrten trotzdem nicht ausschließt. Immer die Ruhe bewahren - unvorhergesehene präzise Richtungswechsel wegen ungeschriebener Verkehrsregeln ausbalancieren, dem geheimen Hup-Alphabet auf die Schliche kommen wollen, den nie nervösen, ab und zu etwas laut werdenden aber verdammt konzentrierten Fahrer insgeheim bewundern, experimentelle Wackelbilder vom dich umgebenden und blendend funktionierenden Chaosuniversum Strasse schiessen, erst am definitiv richtigen Zielort aussteigen, trotz massiver Überschreitung der Sollzeit den Tarifpreis um einen Aktivitybonus erhöhen, und lächeln, auch wenn der BüroHintern noch so schmerzt, immer nur lächeln.

Eine Zugfahrt von Delhi nach Ajmer dauert mehr als 6 Stunden in der AC-Chair-Klasse, einer schlauen, fast gleich guten aber halb so teuren indische Alternative zur 1. Klasse. Nach Sandelholz und Patchuli duftende NoSmoking-Waggons ähnlich einem IC-Grossraumwagen mit massig Platz für müde Langbeine und SouvenirGepäck. Kaum Europäer unter lauter neugierig netten Einheimischen, die wie ich den Service -Fingerfood, Chai, Wasser, Erfrischungstücher inklusive- plaudernd geniessen. Die WC-Anlagen splitten sich sinnigerweise in "local" und "western" , verzichten bei letzterer Version zum Glück auf stylische Schwingtüren und geben dir beim verstohlenen Blick durch das Plumps+Guckloch das seltsam vertraute Gefühl von absoluter Kontrolle und Balance bei höchstmöglicher Reisegeschwindigkeit. Bevor ichs vergesse - der Fahrpreis, umgerechnet etwa knappe 5 Euronen!

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