zeig mal
von riemsche

 

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es ist bequem, kritik an bestehenden wirtschaftssystemen und deren bedenklich wachstumsorientierung auf ein sogenanntes system abzuwälzen, weil man dann selbst keine verantwortung übernehmen muss.

für einen maßvollen klimakonformen lifestyle bedarf es vorab veränderter versorgungsmuster. dies können unternehmen unterstützen, aktiv dazu beitragen, dass wir mit weniger nachfrage auskommen - etwa durch langlebige reparable produkte, die einbeziehung von konsumenten feedback in die laufende produktion und ein sauberes recycling gebrauchter güter. wer da pragmatisch meint, der verzicht des einzelnen sei in dem zusammenhang ein sinnlos unterfangen, irrt. wenn uns weiterhin misslingt, den auf stetig wachstum beruhenden wohlstand von ökologischen schäden zu entkoppeln, bleibt nur die möglichkeit, materielle ansprüche zu senken. jede sich nachhaltig nennend politik _wenn sie denn wirken soll_ ist mit einer einschränkung von mobilität und konsum verbunden. ganz gleich, ob wir freiwillig einlenken oder eine regierung wählen die uns dazu bringt, läuft es im endeffekt immer aufs dasselbe hinaus_ selbstdisziplin, reduktion.

aber wie soll man solch sparprogramm in einer parlamentarischen demokratie umsetzen, wenn nicht wenigstens eine minderheit entsprechende daseinsformen praktiziert und damit den beweis erbringt, dass es geht. wer unilateral oder - noch weitaus wirksamer und zugleich leichter - in gruppen eine ökologisch verantwortbare lebensweise umsetzt, wirkt als kommunizierendes instrument. damit wird die gesellschaft nicht nur ihrer ausrede beraubt, dass keine alternative existiert, sondern auch in ihren öko~suizidalen handlungsweisen delegitimiert, zur plötzlich rechtfertigung gezwungen. die sogenannte kritische masse ist definitiv dann erreicht, wenn die anzahl jener, die eine neuerung übernommen haben hoch genug ist, so viele andere zu deren übernahme zu bewegen, dass der wandel zum selbstläufer wird. tatsächlich wird das nicht nötig sein, weil die politik vor erreichen dieser kritisch mehrheit tätig wird - verlöre sie doch sonst ihre daseinsberechtigung. krisen und besondere ereignisse beschleunigen den prozess.

wenn ich mit mir hinsichtlich meines ökologischen fußabdrucks im großen und ganzen im reinen bin heißt das nicht, dass ich nicht noch verbesserungspotentiale hätte, geschweige dass ich mir darauf etwas einbilden kann. zudem gilt es, das bemüht beispiel entsprechend vorzuleben - weil ich als jemand, der primär bei anderen den rotstift zückt, andernfalls ein heuchler wäre. wer den entzug empfehlen möchte, der schon im selbstversuch kläglich scheitert, sollte besser den mund halten. erst wenn s zufrieden leben nach dem zuviel an wachstum in hinreichend umfang glaubwürdig praktiziert wurde kann politik es wagen, derlei tendenzen durch entsprechende rahmenbedingungen zu flankieren - ohne allzu viel an vorzugsstimmen einzubüßen. nicht länger darauf warten, bis entweder die einsicht in notwendigkeit oder eben krisen dazu führen, dass die aktuelle orientierung keine option mehr darstellt.

studien weisen darauf hin, dass der persönliche energieverbrauch stark mit der höhe des einkommens und dem bildungsstand steigt_ mehr geld mehr emmisionen. womit wir bei der unangenehmsten botschaft wären_ gleichzeitig reich sein und nachhaltig leben_ ist derzeit nicht drin. besagte studien zeigen außerdem, dass der energieverbrauch von menschen mit verbreitet positiver umwelteinstellung überdurchschnittlich hoch ist. studiert und weltoffen grüne verdienen ihr geld nu mal nicht auf dem acker oder am hochofen, sondern mittels wissensintensiver tätigkeiten, die mit einem kosmopolitischen lifestyle und hohem technisierungsgrad einhergehen. um die unangenehm diskrepanz zwischen dem eigenen umweltbewusstsein und tatsächlicher lebenspraxis zu therapieren, bleibt so manch betucht gutmensch oft nur die möglichkeit, wenigstens die gesinnungsethisch korrekte partei zu wählen, ökofairen kaffee zu trinken oder ein e-bike sein eigen zu nennnen.

der unterschied zum mittelalterlichen ablass besteht darin, dass es seinerzeit die ungebildeten waren, die sich an eine lebenslüge klammerten - heute sind es zum teil intellektuelle eliten. wie auch immer_ nicht selten laufen menschen, ganz gleich ob einzeln oder kollektiv, dann zu hochform auf wenn druck von weiß nicht wo sie dazu zwingt_ und an zwang und hochdruck herrscht in naher zukunft sicherlich kein mangel.
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