Reinhard
von Ivo Rossi Sief (ivorossisief)

 

Werbung Romanum

Andante with a Crescendo
– Werdung Roman

Was ich will Ivo Rossi Sief
©Innenleben
Veröffentlicht am 6. Oktober 2018 von Ivo Rossi Sief
Heimat…
ist dort,
wo man Warmherzigkeit findet – und dieser auch begegnet.
https://de.wikipedia.org/wiki/Ivo_Rossi_Sief

– – –
(Hommage an Friedrich Achleitner und Gustav Peichl die meine Professoren waren)

Es geht in meinem „REINHARD_©-(copyright)-INNENLEBEN“-Werdung-Romanum um das, was an allen Wällen und Viren unerträglich ist; dies, über ganz persönliche Erfahrungen empfunden. Es geht auch um das Weggehen und vor allem um das Kommen (und Ankommen), um ein Heimatfinden und das Heimischwerden – um ein Nachdenken über Heimat, weil es (immer!) um (ein) Herkommen geht. Es geht also auch, nein primär, um Akzeptanz, also um das Recht auf Eigenwilligkeit und Eigensinn, letztendlich das Recht auf Individualität. Es geht somit um Existenz … und um Behausbarkeit. – In meinem Buch schreibe ich – sehr wohl auch – über Hetze und das Gehetztwerden. Das, so wie ich es sehe, gilt für viele, wenn nicht für (fast) alle – und ist fast unerträglich geworden, in dieser Zeit. Auch dieses will ich in diesem Buch beschreiben. In Form und Tempo.
Heimat … ist dort, wo man Warmherzigkeit findet – und dieser auch begegnet.
Ivo Rossi Sief, am 21.05.2020

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ENTREE:

Erstens, ich weiß nicht so recht, was anders war, was ich bei dieser Show besonders finden sollte, beziehungsweise wollte.

Zweitens, die Leute denken sich, der Mensch sei ehrlich.

Wäre Reinhard denn nicht so inakzeptabel breit geworden, hätte er sich also nicht so inakzeptabel breit gemacht, würde er die Fallselbstkritik so lesenswert profitabel definieren, dass vieles seines Selbsts ab jetzt, ab diesem Punkt eben, demütig vor allem, ja, aber vorwiegend, also grundsätzlich, total liebenswert und nett im Biss erscheint.

Was ist von Reinhard jedoch viel, so viel also, dass auch Kritiker auf weiteres Tun dieses Teiles von ihm, der sich nicht so dumm und ohne Kontrolle über sich selbst geben will wie der Rest seines beeinflussten Wesens (so – und beeinflusst eben – gestaltet sich ja der Schutz jeder integrierten Spezies) angenehm einverstanden reagieren könnten.



Meine Augenwinkel nehmen, auch gerade, einen orangefarbenen Punkt seitlich von mir wahr.

Signal für jetzt – aber bitte – gleich Stopp! …?: Nein, es ist das Ich-habe-jetzt-fertig-Lichtlein der Spülmaschine.

In letzter Zeit, hätte Ich keine Schwierigkeiten beim Einschlafen.

Zea (dieser ist mein Kosenamen für Therese) dreht sich an ihrem Schminktischchen sitzend um und sagt: Was denn …?, wenn man richtig glücklich ist?

Nun, ich stehe, bei dieser Gelegenheit Buch schreibend, im Gegenzug etwas aufmüpfig da – während du so mit mir redest, denke ich gerade.

Und lockere sofort meine inneren Zügel – und denke, dass Bewegung (es spielt aus dem Musikplayer gerade eine Sonate) in meinem Inneren, somit in meiner Seele, nur durch eine Verbindung mit dem Reichtum der Beziehungen, die aus gemeinsamen Reflexionen und Gemeinsamkeiten bestehen, entstehen kann.

Interessen und Nöte der Welt? – Na gut, aber die sind zwangsläufig wie auch-und-eben die nackte Haut beim Menschen: Man schafft die Reproduktion der Not nur zu ändern, wenn man vor den allerersten Anfängen dieser es schaffen könnte, sich ihr zu, sie gestellt zu haben. Da eben, und bevor sie zu einem Element der, besser gesagt einer, gewissen feudalen menschlichen Kultur wurde; und nein, es geht dabei nicht – und ging nie – um haarige Affen. Oder vielleicht doch? Alles … ist immer verschieden(st)e Sachen

Bewegung. Entsteht diese in mir aus dem Farbenspiel der Natur? von einem Ruf, der von einer-deiner? angenehmen Stimmen kommt? oder von einem – gelungenen, von mir gemalten – Bild? von hinter der Oberfläche, Oberflächlichkeit der Interessen?

Ergreifende Blicke eines Hundes?: Nein, so was war nie meins, aber sehr wohl ist meine Sache die Tragödie (Tragödie als Form des Dramas wie Komödie).

Zea hat inzwischen die Augen geschlossen, das, was ich gerade meinte, ging ihr zu nahe, oder eher zu weit, und sie versucht, mit ihrer ganz eigenen lieblichen Entschlossenheit (eine, die, wenn Zea/Therese glaubt, es sei der richtige Moment, alle anderen Empfindungen zu verdecken schafft) mich von diesem meinen Ausgang abzulenken, hin in Richtung unmittelbares Leben.

Ihr Atem geht immer leise. Sie atmet so, als wären ihre Atemzüge Schritte durch ganz andere Tore. Bei stark freien Geistern ist das unvermeidlich und kein Grund, weil so eben schön, sich dagegen zu entscheiden. Sie tut ihre Schritte angenehm weiblich, ganz.

Ein leichter Nebel steigt gerade aus dem Tal, und es hat Helligkeit, irgendwie eine heilsame, in den großen Fenstern.

Es gab – es ist nicht lange her, und dies gesagt zum heilsam – ja Zeiten, wo für mich alles in einem staubigen Gelb orientiert war, wo alles eben und Leute, die nur Passanten in meinem Leben, wie Nebelstücke sich in Nichts auflösten.

Zea schaffte ausgelassen, das meiste an Restgroll in mir aufzulösen, so, dass es auch keine Erinnerung mehr war und beinahe nur mehr Duft nun ist. Jetzt ist langsam alles so, wie mit diesem ähnlichen Geschmack, dem Duft des Lebens, auch ihre Lippen: Die Lippen Zea‘s haben einen ähnlichen Geschmack, einen absolut reinen, wie die Stille, die perfekte, die wie so oft, also auch in diesem Moment, gerade wieder einbricht; und ich frage mich, ob Menschen inmitten der Sachen und Schwierigkeiten und so weiter des – oder ihres – Lebens, weil modern, postmodern – und kurzlebig –, sich an solchen scheinbar kleinen Gefühlslagen, Dingen, Momenten noch zu erfreuen imstande sind.

Zea hält ihre Augen geschlossen.

Vielleicht geht es darum, die Fähigkeit des Zweifelns, während man Bedeutung den vielen Dingen verleiht – oder zuspricht –, immer wieder höchst sinnvoll aufrechtzuerhalten: So kann man Facetten, ganz viele und verschiedene, in allem und in der Fähigkeit des Geistes erkennen, zumindest (noch) erahnen. Harmonie, den Verwirrungen der Welt zum Trotz, vermuten.

Je mehr ich zum Ausgang dieses Anfanges komme (dieses Schreibens, meine ich), desto mehr fühle ich, dass Lichter aus dieser plötzlichen perfekten Stille bereit sind, die Luft zu sprengen in Gängen, sprich Fluren und Räumen, weil ich, jetzt leichter in den Fersen, in die Welt wieder zu treten bereit bin.

Es geht nicht darum, dass ich „im Vorher“ eine Mission nicht zu erfüllen schaffte. Dass ich das Zeug, das Werkzeug nicht hatte, um wichtige Entscheidungen zu treffen: revolutionäre Ideen müssen auch nicht von jedem erworben werden. Jetzt heißt es, mit der Vision eines bedeutungsvollen Durchbruchs im Hinterkopf, zu gehen, na gut, von mir aus, wieder beziehungsweise aufs Neue zu gehen.

Türen waren, das sage ich zu mir, in meinem Leben nie welche lebensbedrohlich verschlossen: Die Musik war – ja, das schon – etliche Male verstummt.

Ich träumte und hoffte etliche Male in der Vergangenheit dass ich berühmt geworden wäre, aber gewiss; bekam dann mehrere recht schlimme Stöße ins Kreuz, sodass dieses gar auch kein Argument mehr dafür schaffte zu tragen.

Und überrascht mich jetzt, dass nun, nach all dem Reisen und den Bewegungen und allen meinen Gesten, für mich eine neue, anders gesagt eine ganz andere Geschichte heranreift. Biologisch gesehen geschähe/geschieht (unser Handeln und unsere Reaktionen, unsere Körpersprache und unsere Gesten unterliegen neunmal stark – auch – biologischen Regeln) aber nichts anderes dabei, als würde man, als würde ich, als Gletscheraffe lernen, auf festem Boden richtig zu laufen.

„Die Tatsache, dass wir uns so Angepasst geben müssen“, gibt Zea eins drauf, „ist oft erschreckend: und es sieht so aus, dass wir besser überleben, nur weil wir der Kontrolle über unser Äußeres, auch der über unseren Körper, beraubt sind: weil wir diese abgegeben haben.“

„Mit dem ständigen Bedürfnis heutzutage“, kontere ich, „jemanden anderen, Meister über uns selbst zu erkoren, also sein zu lassen. Zu oft aber kauft man als Mensch sein eigenes Überleben, in dem man sein Leben verkauft; paradoxerweise, aber leider wahr.“

Ich weiß, dass es nutzlos ist (meistens) Zea nicht zuzustimmen. Und ich bedanke ich mich, dass sie – nie enttäuscht – bei mir ist, bewegt von der Liebe. Das ist nicht selbstverständlich. Ich erlebte bereits einige (ja, auch in Eigenerfahrung) die eine Art Liebe leben, die dem Hass treu ist.

Ich krieche in mein Zimmer, dieses voll von Büchern und Ideen des Überflusses, und Ideen am Überfließen. Sie befreit mich, diese Bewegung, aus der misslichen Situation, weitere fünf Minuten um eine Erlösung herum zu phantasieren; wo ich dabei aber erahnen, womöglich sehen könnte, dass es ums dauerhaft weitermachen geht – für mich auf jeden Fall – jetzt am besten ohne Kontrolle. Die Aktivierung mehrerer und vielfältigerer Belohnungsgefühle wäre, auf diese Art jedenfalls, sowas wie fast garantiert.

Durch die synaptischen Barrieren (die der Sinneswege) wäre es völlig Kontur passé/Kontur fremd, dass ich immer wieder das mit dem Kamel durchs Nadelöhr trachte erklären zu wollen: weil ich erkenne, dass ein Kamel im Leben es oft etwas zu widerstehen mag.

Bevor ich Zea kennenlernte, war tatsächlich, aus mehreren negativen Ereignissen her, mein ganzes Leben eingeschlafen, auf eine Weise, dass es mir selber sowas von nutzlos erschien.

Zea…

Eine Frau kann einen Blick auf den Boden eines Mannes werfen indem sie seine Handlungen beobachtet. Sein Auftritt. Seine Stimme. Sein Gesicht. Mit ihrem Kopf sendet sie ihm eine unmissverständliche Botschaft; indem sie ihren Mund öffnet, lässt sie ihn, noch weit vor dem ins Bett springen, fühlen, das wie – die Bäume im Geiste umarmend – durch grüne Wiesen eilen, und auf neue Weise auf die Welt schauen.

Zea…

Einige Minuten lang lasse ich diese emotionale Vitalität (die eine gefärbt ist so, wie die eines Kindes) sich vom Grund aus dem sie sich löste heben; wenn etwas jetzt – da – kaputt geht, verliere ich die Kontrolle, zerstöre ich diese zarte Brücke, die über Damals und Jetzt gelegt, an diesem Sonntagnachmittag, der irgendwo das „Für Immer Und Ewig“ noch versteckt hält.

Ich habe es, bis-hier-her-heute, noch zu keiner fixen Szene (keinem fixen Szenario) je geschafft.

Ziemlich vieles war lächerlich, im Vorherigen: Nichts zum mich dafür schämen sollen oder müssen: So etwas (würde ich mich meiner Geschichte hier jetzt nähern…) geschieht als unvermeidlich. Warum? frage ich mich: Vielleicht aus Angst?, Angst davor, dem Mythos Leben mich zu nähern, den man einfach zugeschrieben bekommt?

Wieviel habe ich – heute noch – Angst, dass ich nichts sagen kann, ob mir es egal sei, was – das nur als Beispiel – ein Taxifahrer von mir hält?

Selbstbeurteilung, fällt mir ein, schaffte ich bisher immer, nur in den Momenten, wo ich gut, also recht brav, umsetzte, was ich in den vielen Schulen gelernt hatte. Die Selbstbetreuung, erfüllte, als Auftrag, die Iris – in dem sie, aber meistens verunsichert, bedeutungsvoll sein wollende, mit den Augen Signale in die Welt sandte.

Ich habe kämpfen wollen, ja, und in die Zeit einfach hineinfallen; es hätte aus meiner Sicht so, genauso, immer sein können.

Ich bin, Psychophysisch gesehen, nie alt geworden, auch wenn ich mich auf mehreren steilen Bergen meines Lebens hoch zu kämpfen hatte. Ich konnte von diesen dennoch nie besiegt werden – allerdings auch, weil ich Zeit meines Lebens weniger getan habe, als eine Illusion dessen, was ich vorgehabt hätte. Ich hatte auch Gefühle, ja: Aber ich hatte meine intensiven – wie auch immer (aber grundsätzlich negativ) gefärbten – Geschichten mit (den) Frauen mental nur gelebt, wie Luft, die zwangsläufig in einer Landschaft pendelt.

Meine Frage (diese ohne Auswahl vor den vielen anderen) ist jetzt eine ganz einfache, sie sieht so aus: Wo ist die völlige Freiheit zu lernen?

Ich meine, man arbeitet, mehr oder minder hart und gehetzt, sein ganzes Leben, wenn welche da sind, opfert man weiß ich was alles für die Kinder, verzichtet aufs „in Saus und Braus gelebt haben“, um man sich keine Sorgen um das Essen gemacht haben zu müssen – und um sich für alle um alles zu kümmern.

Nach fünfzehn Jahren bricht, dann, und in der Regel, eine Ehe aus.

Dann noch einen Lebensschritt. Und noch einen Schritt im Leben. Noch ein Schritt. Uns noch ein S c h r i t t…. – mein Mund wird trocken: Warum spüre ich jetzt bitte, das was ich gerade niederschrieb, wie einen Tritt in meinen Bauch?

Zea ist immer wortlos, wenn ich, in Gedanken sie zerkauend, mir solche Sachen zurede – und ein imaginäres Tränchen (sie ist leicht emotional zu berühren) der Melancholie, brennt, bei diesen Inhalten schnell, auf ihrer Sonnenstrahlen erhellten scheuen Wange; runter gleitend, einsickernd in ihr Kopfpolster: Zea döst nämlich gerade.

„Zea!“, ich nähere mich ihr, schnappe sie bei der linken langfingrigeren Haut-zarten Hand und drücke diese gerade genug fest. „Oh Gott, Zea! du bist wach!? habe ich denn laut gedacht? vergebe…“ und küsse ihre Stirn – sie schüttelt, mit einem verlegenen Lächeln, wie ein Kind ihr Kopf.

Ich habe mir – jetzt – aber neue Kleider zugelegt.

Drittens, ich Schreiber sehe, ich schlampe gerade.

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Erzähle ich jetzt weiter von Reinhard, dann schreibe ich hier nicht über einen, der auf der Welt viel erreichte, der große Dinge oder Herausragendes vollbrachte, sondern will von einem Menschen erzählen, der den größten Teil seines Lebens um Akzeptanz und Anerkennung ringen musste.

(…)
W I E N
(…)

Schweißausbrüche beruhten auf affektiver Erregung; Reinhard spürte eine gewisse Notwendigkeit, aus anderen Gesetzen eine neue Lebenseinstellung zu erreichen. In jetzigem Ausdruck ein Set-up also – bis zu einer überzeugenden Situation, eine möglichst dann konsequent einzuhaltende.

Das rief nach einem benutzerdefinierten Plan, einem mit mitunter restriktiven Maßnahmen, zum Reduzieren des Gewesenen, beziehungsweise um dieses im entscheidenden Maße aufgeben zu müssen. Der Blutdruck war weiterhin normal – also neue geistige Freiräume erschaffen. Es muss nicht gleich drastisch geschehen: Entweder so oder so, und anderes Handeln gilt nicht.

Reinhard meinte, es könnten ihm Rollenspiele helfen.

Diese, dachte Reinhard , in dieser Zeit, sich aus. Täglich und jeden Tag aufs Neue. Um ­­­­­­sie in den Räumen, die er betrat, tatsächlich zu spielen zu versuchen – um seine neuen Persönlichkeitszüge und seine Beziehung zu den anderen, die ihn vorerst umgaben, zu trainieren. Um die von Reinhard selbst den anderen Menschen bis dahin erteilte Ermächtigung dazu, tiefe Sorgenfalten und rote Linien in sein Gesicht zu ziehen, zu entkräften, besser, diese schier allen zu entziehen.

Das Haar der Gestalt Reinhards Umhergehens unter den Menschen zuvor, die des Umgangs in seiner hässlichsten Form mit seinen Mitmenschen bis zu diesem Punkt, wurde immer dünner, trockener und brüchig – und die schönen braunen Augen dieser Gestalt bekamen einen ledrigen Ausdruck.

Die Fähigkeit, dickes Fell aufzubauen, war in überdimensionierte Übungen ausgeartet. In seiner Hand sah Reinhard damals ständig eine Luftdruckpistole, welche er an ihrem langen Stiel hielt, um abgefallene Bartstoppel der Anderen auf den Böden der geistigen Ebenen, die Reinhard gerne betrat, und weitere ähnliche Dinge, struppige Erscheinungen oder Figuren aus seinen furchtbaren freien Vorstellungen wegzublasen. Um nun von Reststaub und Fusseln befreit zu seinem neuen geistigen Lager zu gelangen, welches Reinhard nahe gelegen spürte.

Wie man erkennt, dachte Reinhards Herz unermüdlich, und oft, in den Tagen dieser Zeit, erstickte es am eigenen Eifer. Lassen Sie mich erklären: Reinhard ist daher sehr wohl bereit, als ein Opfer zu gestehen, dass alles Weitere – nun doch – über die Evolution erfolgen hätte können …

„Hey, Reinhard, in die Schlacht gehen!“, schallte es von hinten.

Wie auch immer.

Reinhard wollte aber eigentlich die Gegenwart leben und nie mehr über die Vergangenheit nachdenken oder sprechen. Ein peinliches Ei diese, bei der, wenn die Frustrationen es noch hätten schaffen können, ihn zu entwürdigen, es besser war, sie zu streichen, sie jedenfalls nicht (mehr) zu streicheln.

Nun, dachte Reinhard, wird es aber Zeit, das gerade gestartete W.-Projekt auch ordentlich anzugehen. Das damit verbundene Ziel ist nicht Transparenz oder Notwendigkeit einer Gerechtigkeit in kleineren Realitäten. Ein zuverlässiges Privates also, ein stützendes und sorgfältiges? Um sich darüber zu sorgen, war Reinhard noch zu jung.

Es ist nicht so, dass es einen Tisch braucht, um das Deckblatt des Projektvorschlags zu unterbreiten: Es war und blieb die Zensur um den Identifikationsprozess, die Reinhard fragte, ob das, was er bisher von sich gegeben hatte, einen Hinweis darauf in sich barg, dass da in W. alles zu einem guten Ziel führen könnte oder würde.

Eine Form der Selbstkontrolle war jedenfalls für Reinhard unbedingt nötig. Inzwischen, nach einer Erholung durch das Vermeiden jeglicher Art von Machtmissbrauch in Missbilligungen, nach Reinhards Entscheidung für W. jetzt also eine familiäre Versöhnung? Hätte er darüber mit meiner Mutter sprechen sollen? Zerbrechlich war sie. Innerlich war sie eine, die in keiner Lebenslage fähig war, die Wärme von Genuss und Freude zu versprühen – geschweige denn Reinhard in seinem gewagten Schritt zu verstehen.

Reinhard benutzte also die mobile Wanderschule mit ihrem Medium Feder. Ja, damals schrieb man Briefe. PCs gab es noch nicht. Reinhard schrieb oft nach Hause – und noch an sehr wenige gute Bekannte. Und in den Lehren über die Verwendung der Schreibfeder gibt es eine Menge Freiheit.

Eine gründliche Untersuchung dazu würde freilich Schattenseiten erkennen lassen. Und die noch gründlichere Erforschung würde Mechanismen aufdecken, welche die geschriebene Wahrnehmung regeln.

Reinhards Schreiben war nicht von tiefem Geist erfüllt, teilte nichts Akademisches mit. Er schrieb spontan. Die von Zuhause aus vermutete Gefahrensituation minimierend, parallel stimuliert vom Wittern und vom Durchsickernlassen positiver, nicht übereilter gelebter Momente und Erlebnisaspekte.

Der Sozialisationsprozess in W. stellte auch Reinhard selbst Fragen bezüglich des angepeilten Lebensstils, mit vielen Tipps zur Bewertung, die (noch) nicht aus der Welt der Markt- und Kursverluste kamen.

Das erwartete Ergebnis war für Reinhard, ein stabiles gutes Niveau garantiert zu bekommen. Anstatt, zwar nicht in Gefahr, aber suspekt gelebter Jahre, im Geschmack ähnlich wie solche Episoden, in welchen nach dem Sex der flüchtige Liebhaber über seine Ehefrau spricht, oder andersrum, verstehend, dass es keine Zukunft dafür gibt, um zu zehren und zu leben für jene auf diese Art gelebten, in großer Geschwindigkeit und Beeilung konsumierten und gesammelten Lebensmomente. Mit dem idiotischen Lächeln derer, die de facto nur mit sich selbst sein können und alleine bleiben.

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Punkt und neues Kapitel nach dem hier allgemeinen Moralgeschwätz mit Reinhards Willen dazu, sich zu behaupten und durchzusetzen. Immer wieder sagte er sich: „Ich tue es und sehe dann, wie es geht; um mich nicht nur auf eine Illusion darüber zu beschränken, dass ich einmal einen guten Job, auch etwas Gutes machen könnte!“

Somit ging Reinhard alles mit Hinblick auf das Bevorstehende, mit Rücksicht auf Fälligkeiten, auf Abläufe, und auch – bei Faulheit – auf die Sanktionen an. Das ist es, weshalb Reinhard sich also auch um die Verwendung der Feder in Lehren bemühte, mit eigentlich gewagt kühnen Anhaltspunkten und Vorstellungen. Oder so.

Von Reinhard gekauft ein anthrazitschwarzer leinener Anzug. Um – mit zwei seiner ersten damaligen Freunde dort in W. – an einem Abendessen als erstes kleines Geschäftstreffen teilzunehmen. Es war mit einem Galeristen aus S., der immer auf der Suche nach Anzeichen des jungen außerordentlichen Talentes war. Für Reinhard hatte das Folgen. Später.

Hinter einer Maske waren also sie, die drei, die noch fiktive und unfertige Charakterfiguren waren, dazu bereit, ein Dazugehörigkeitsspiel auszukosten, das Wunschvorstellungen der Teilnehmer zu gestalten versprach. Das war für Reinhard pures Abenteuer. Das erste dieser Mappen-Stifte-und-Papierrollen-und-so-weiter-Spiele von vielen, die später noch folgen würden.

Die Freude daran, Charaktere und Kleider in einem neuen Theater zu leben, diese dann in Bildern umzusetzen – in diese sich hineinprojizierend –, ist alt wie die Malerei selbst. Man denke an die Höhlenbilder, so alt, so alt sind sie – mit dem bildgewordenen Wunsch, hinter der Maske hervor auf – auch existenzielle – Möglichkeiten zu blicken.

Vom antiken Griechenland über das Römische Reich durch die Zeit des Mittelalters bis zum Jetzt-Heute … ein bunt gemalter Karneval dieser, genannt Kunstgeschichte. Den Reinhard jetzt, auf dieser Akademie, kapierte. Gut zu handhaben begann. Was, Spannung und Romantik anmutend, er durchwegs bestmöglichst heute noch immer tut.

Wir alle haben Dutzende Talente, aber wir müssen uns von diesen verabschieden, wenn man uns zwingt, uns für ein (fremd-)bestimmtes Leben zu entscheiden. Demnach mit Masken und Verkleidungen dann eben jemand anderes sein. Ohne dagegenzusprechen. Und Regeln dieses Spieles würden zeigen, was am Spiel befreiend zu sein verspricht.

Eigentlich hat die Vernunft die Menschen nie wirklich glauben lassen, dass, wenn man nur genügend hinschaut, von der Kunst Heilendes, Heilkräfte ausgehen. Auch nicht, wenn er sich Doktor Beuys nannte, der, ohne eine ärztliche Approbation, dies behauptete. Dieses las Reinhard in irgendeiner Kunstzeitschrift und schüttelte den Kopf. Aber nachdem er die Tatsache annahm, dass durch verschiedene gespielte Charaktere er mehrere Seiten von sich besser zeigen konnte, schlüpfte Reinhard genau auf diese Weise, als scheinbarer Rollenspieler, auf der Akademie in seine künstlerische Leistung.

Nur abseits der geschützten Studienarena, in der Schwere des Alltags, wo Reinhard war, machte eine Maske nichts einfacher, da zählte es, Charaktereigenschaften an den Tag zu legen, die hilfreich waren, zu verstehen, was er wirklich im wahrhaftigen Leben haben wollte. Drei – plus sieben weitere – Gebotstafeln, damit Reinhard sich als Magierallmächtigmann ausgeben hätte können? Reinhard hatte nie größenwahnsinnige Neigungen oder Ziele. Von höheren Zielen – davon, na gut – träumte er ja schon.

Viereinhalb Jahre lang war Reinhard auf diese Weise auf der Akademie am Schillerplatz unterwegs. Während er in den Räumen der Meisterklasse, wo er seinen festen Arbeitsplatz und Tisch hatte, also so gekleidet war, sah man ihn ganz anders antanzen in der Arena des Aktzeichnens, und wieder anders dort, wo es um die Farblehre ging, oder in den Stunden um die angewandte Kunst, des Goldenen Schnittes, die Gestaltung … et cetera.

Und Reinhard, in der Rolle seines Onkels, klatschte, wenn die jeweilige Aufgabe fertig war, ein „Wirklich ausgezeichnet!“ äußernd, auf den Tisch. Meistens auf Englisch. Die Verstärkung Reinhards Tuns und Lernens gelang besser, wenn er sich dieses Lob später von anderen ausgerufen vorstellte; dies vorweg genießend.

Im Speisesaal, in der Mensa der Akademie, gingen immer zwei der großen Lords umher, zwei Professoren, um zu grüßen, gekleidet damals meist in Pullundern … für diese lockeren Tischgespräche. Flüchtige Worte wie unter alten Bekannten, nicht ohne die Absicht, das Notwendige oder das Interessante an den simplen Beobachtungen zu fixieren. Bei diesem lockeren Austausch während der Mahlzeiten war auch Gelegenheit, über intimpersönlichere Dinge befragt zu werden, solche loszuwerden. Und alles immer eine gute Lektion. Nie in kommerzielle Absichten und Ausdrücke gepackt.

Das war für Reinhard bei jedem Essen dort im Raum, wo es nach Speisen roch und der Wirrwarr der Stimmen lebendig schallte, so als ob er wie ein Kind in sich selbst das von ihm selbst nachfüllte, das nur er vorher (bevor ich nach W. kam) von sich kannte. Mit dem unzweifelhaften Versuch, hier so klar, also so sehr Klartext zu sprechen, wie nur möglich. In der Regel, um sich in diese Welt, die keine imaginäre mehr war, nun regelrecht hineinzustürzen. Kopf- und auch Herzsprung.

Im Akademiekontext nahmen nicht alle Gruppen von Spielern am selben Rollenspiel teil: Städtebauer, welche, die aus alten Vorhängen Bühnenbilder zauberten, Badezimmereinrichter, liebe Kreaturen in der Goldschmiedeklasse und so weiter; der ganze Cirque du Soleil der talentierten gehobenen Kreativität zum untereinander Austauschen verfügbar: alle, so wie sie waren, rund um die Uhr in ihrer eigenen Verkleidung bleibend, in der Rolle, die sie gewählt hatten.

Welch eine, in meinen Augen, lebenswichtige Mischung aus kunsttheatralischer Improvisation – und sehr wohl Genialität. Die Teilnehmer für die Eroberung von Einfallsreichtum von Nah und Fern – also auch aus unterschiedlichen Ländern – hierhergereist.

Reinhard war bestimmt nicht an diesen Ort im Geiste und de facto hierher übersiedelt, um Bildchen- und Bildermalen zu lernen, oder „nur“ um zu begreifen, wie man bessere – ästhetisch bessere, weil akademische – Häuser am Reißbrett komponiert. Nein. Man präsentierte Situationen und Konflikte, die kulturell-landschaftlich reizvoll waren und von Bedeutung.

So kam zum Beispiel jemand in die Lektion, um seine kulturkontroverse Vorstellung innerhalb der Studentenfamilie vorzutragen, seine abweichenden und neuen Rollenvorstellungen der Gruppe mitzuteilen, damit es mit den anderen (Studierenden) dann ein Protokoll, einen Text, ein Manifest ergab. Darin als Ergebnis nur das Thema der Austauscherfahrung um die Frage: Was würden Sie, wenn Sie diese Person wären, denken? Wie würden Sie denn reagieren?

Und so wurden alle einfühlsam. Und Reinhard verstand andere. Durch die erworbene Fähigkeit des besseren kreativen Aufnehmens. Reinhard fragte daher auch immer wieder sein Herz, in welchem Labyrinth seine Leidenschaften sich (noch) befänden. Reinhard wollte immer mehr wissen, wer er war.

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in progress

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