Die Partei Gottes
von Michael Kuhrdt (mageku)

 

Die Partei Gottes

>>Avanti! Dilettanti!<<, schrie er wie ein Irrer und lief peitscheschwingend durch die Reihen.
>>Ihr Pfeifen! Schreibt, bis euch die Finger abfallen. Ich will hier keinen sehen, der unter zwanzig Seiten rausgeht. Und vor allem...<<, seine Stimme ging über in ein Kreischen, >>...verlässt keiner unter vierzehn Punkten den Saal.<<
Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, ließ er die Nilpferdpeitsche auf den Rücken eines blassen, ängstlich über seinen Blättern gebeugten Referendars krachen.
>>Aaah!<<, machte dieser und brüllte:
>>Nicht!<<
Das Licht ging an.
Sie drehte sich zu ihm hinüber.
>>Wieder der Traum?<<
>>Ja.<<, antwortete er immer noch schwer atmend.
>>Es ist zum Haare-Raufen. Peitschenschwinger und Prüfling zugleich. Meinst du, ich werde verrückt?<<
>>Nein.<<
Sie strich ihm liebevoll über das weiße, verschwitzte Haar.
>>Ich bin aber sicher, dass du wegen etwas sehr Wichtigem mit dir nicht im Reinen bist.<<
Sie riss ihm nach dem letzten Wort ein überlanges Augenbrauenhaar heraus.
>>Aua! Spinnst du?<<, schimpfte er und rieb sich die schmerzende Stelle.
>>Nein.<<, antwortete sie lächelnd.
>>Ich glaub aber manchmal, du hast einen leichten Knall.<<
Den Rest der Nacht schlief der Ministerpräsident nicht mehr gut. Er steckte mitten im Wahlkampf und alle Prognosen deuteten auf einen eindeutigen Sieg hin. Das hätte ihn zuversichtlich stimmen müssen, ließ ihn aber verkrampfen und unsicher werden.
>>Zu lange ist das gut gegangen.<<, dachte er immer wieder.
>>Einmal muss die Seifenblase platzen.<<
Wie gerädert stieg er am Morgen aus dem Bett. Eine Wahlveranstaltung jagte die andere in dieser heißen Phase und heute standen zwei Termine auf dem Programm. Nachmittags musste er in einer Stadt mit sterbender Industrie antreten. Am Abend dann, wurde er in der Bezirkshauptstadt erwartet.
>>Das Angenehme am Schluss.<<, dachte er sich, obwohl er öffentliche Auftritte hasste.
Nach einem schnellen Frühstück verabschiedete er sich von seiner Frau.
>>Ciao Anna! Der Bus wartet!<<
>>Servus Harald! Bis heute Abend.<<
Normalerweise fuhr sie mit. Die Kinder waren aus dem Haus und er brauchte eine Person in seiner Nähe, der er bedingungslos vertrauen konnte. Die Koalitionen änderten sich beinahe täglich und wer gestern noch dein Freund war, konnte heute schon dein Gegner sein. Sie war Freund und Ratgeber in diesem schmierigen Geschäft.
Heute aber kamen die Mädchen zu Besuch und so musste er die knapp dreihundert Kilometer mit seinen Parteifreunden vorlieb nehmen.
Im Bus setzte er sich neben den Vorsitzenden seiner Partei im Bundestag.
>>Meinem Sohn sind die Examensnoten peinlich.<<, kam der gleich zur Sache.
>>Wirklich? Was hat er denn?<<, horchte er auf.
>>Die Eins, wie du.<<
>>Er kann ja noch mal schreiben.<<
Da mussten beide lauthals lachen und beruhigten sich erst wieder, als sie die Bauruine des neuen Fussballstadions sahen.
Wie vorhergesagt, gewann er die Wahl mit über sechzig Prozent und feierte seinen überwältigenden Sieg in der Parteizentrale der Landeshauptstadt.
>>Wahnsinn!<<, dachte er sich an einem stillen Örtchen.
>>Hätte nicht gedacht, dass es wieder gut gehen würde. Die Mischung macht es eben. Ein planloser Gegner, gezielter Druck von Außen und selber sind wir auch nicht total blöd.<<
Er zog die Hose hoch und spülte.
Dann trat er wieder in den Saal, wo die Fernsehteams schon auf ihn warteten.

Ronald saß in der U-Bahn und las.
>>Nicht schlecht.<<, dachte er sich.
>>Gerade noch das Examen vergeigt in der Provinz und jetzt schon auf Fortbildung zum IT-Fachmann in der Landeshauptstadt.<<
Er versuchte sich zu konzentrieren, aber um ihn her tobte das Leben. Schüler und Berufstätige drängten zur Arbeit und erst gegen Ende der Fahrt leerte sich das Abteil. Die Menschen strömten durch die Tore in das Werk des großen Konzerns, der wie ein Termitenhügel die Arbeiter in sich aufnahm.
Das war er also, der größte Arbeitgeber der Stadt.
Ronald setzte sich auf einen Stuhl und schaute umher. Der Raum war in grau gehalten, genau wie die Gänge. Das Treppenhaus leuchtete in Gelb.
>>Wir möchten gratulieren zu ihrer Wahl.<<, sprach der Verantwortliche bei seiner Rede.
>>Sie haben mit uns den Mercedes unter den IT-Kursen gewählt.<<
Es muss ein Montagsfahrzeug gewesen sein, denn von Anfang an funktionierte nichts. Die Programme liefen nicht und bis auf wenige Ausnahmen kamen die Dozenten mit einem Wissensvorsprung von vier Stunden in den Unterricht.
Ronald interessierte das nur am Rande.
Er wollte die Weltstadt erobern und nicht sich den Kopf zermartern. Ein Arbeitsplatz wurde in dieser gut laufenden Branche beim Vorstellungsgespräch praktisch garantiert.
Stattdessen versuchten seltsame Gestalten ihn zu bekehren, während die Wirtschaft sich weiter verschlechterte.
Eines Morgens in der U-Bahn ging es los. Der Mann gegenüber auf der Sitzbank stieß ihn mit dem Fuß an. Ronald glaubte an ein Versehen und las weiter. Beim zweiten und dritten Mal war klar, dass er etwas wollte.
Nur was?
Als er die Treppen aus dem U-Bahnschacht zum Tageslicht in Angriff nahm, hustete ihn eine bleiche Gestalt abwartend von der Seite an. Ronald wollte keine Erkältung einfangen und ging weiter.
Mittags, in der Kantine gab es Pizza. Von einem Kollegen gedrängt, stellte sich Ronald an und machte eine seltsame Entdeckung. Der große Kerl an der Ausgabe, legte eine Mafiatorte auf jeden Teller und drückte sie den Essern in die Hand. Dabei schaute er jedem fest in die Augen.
>>Ein Ritual.<<, dachte Ronald und blickte umher.
Man sprach italienisch beim Kochen und Schälen. Die Speisen schmeckten prima, die Preise blieben bezahlbar. Warum nicht?
>>Weil hier die Mafia herrscht.<<, dachte Ronald und aß einmal Pizza.
Und weiter ging es im Aktionsplan Bekehrung.
Ein schmieriger Programmierer gab Beispiele zum Besten, mit italienischem Bezug. Zehn Fluggesellschaften standen zur Verfügung. Meist flog Alitalia Rom – München oder New York – Berlin. Gerechnet wurde in Lira, obwohl längst mit Euro bezahlt werden konnte.
Ronald war wütend. Er hatte sich gefreut auf ein anderes Leben und hatte nicht im Traum an eine solche Wendung gedacht.
Hinzu kamen weitere schlechte Nachrichten.
Vierzig Firmen, hieß es am Anfang, würden sich vorstellen und so könnte jeder arbeiten, der wollte. Nach drei Monaten hatten zwei Unternehmen ihre Visitenkarte abgegeben. Am Ende waren es vier.
So oft er konnte, ging Ronald abends weg. In Bars und Pubs ließ er viel Geld liegen für seine Verhältnisse, denn noch war das Leben lustig, trotz seltsamer Ereignisse.
Bis sie auf seine Schulter klopften, einmal auf dem Weg von der Kantine, das andere Mal der Programmierer, nach einer unverfänglichen Frage.
Hinzu kam der Griff an die Innentasche des Jacketts, in U-Bahn und auf dem Fußweg.
>>Wolle Messer sehe?<<, sollte das heißen.
Ronald spielte weiter Fußball und lief seine Runden, nur wohl fühlte er sich nicht mehr.
Jeder wußte Bescheid und alle stellten sich doof.
>>Warum du?<<, kam die Frage.
>>Was ist der Zweck?<<
>>Keine Ahnung.<<, sprach Ronald.
>>Geld! Macht! Der Laden muss laufen. Sie ducken jeden, nicht mich allein.<<
Auf dem Parkplatz sah er kürzlich ein verängstigtes Mädchen und einen Kerl es verfolgen.
>>Du musst dich irren.<<, war die Antwort.
>>Wir haben nichts bemerkt.<<
Die erste Reihe im Unterrichtsraum hatten inzwischen fünf Russen und Ukrainer besetzt, die eine unangenehme Hustenwand bildeten.
>> Das merk ich mir aber.<<, dachte Ronald und war froh, als sein Aufenthalt endete.

>>Schau mer mal, was die Politik dazu sagt.<<, entschloss sich Ronald, nachdem er den heimatlichen Hafen wieder erreicht hatte.
Aus alter Familientradition war er Mitglied der konservativen Partei und dachte herauszufinden, ob Parteiprogramm und Wirklichkeit zusammenpassten.
Kaum betrat er den Versammlungsraum seiner Ortsgruppe, ein Nebenzimmer eines schönen Dachcafés, als auch schon der Tageslichtprojektor eingeschaltet und das Bild einer Espressotasse an die Wand geworfen wurde.
>>Sponsored by Luigi.<<, dachte Ronaldo und hörte schon gar nicht mehr den Husten, der überall um ihn herum brandete.
Er löschte christlich aus seinem Gedächtnis.
Die Veranstaltung selber wurde wie eine Besprechung ohne Betriebsrat in einem mittelständischen Unternehmen geführt. Vorstandswahlen standen an und so wurden Wahlhelfer bestimmt, die Kandidaten vorgestellt und, ruck zuck, gewählt, ohne überflüssige Worte zu wechseln. Die Dankesrede des neuen Vorsitzenden bildete den Abschluss der Veranstaltung.
Wie durch die Mangel gezogen verließ er den Raum.
>>Für Eingeweihte nicht schlecht.<<, dachte Ronald.
>>Der Außenstehende weiß nur, dass er gewählt hat. Wen und warum bleibt im Nebel.<<
Auch das nächste Ereignis verlief ähnlich.
Der Generalsekretär sollte reden, was er auch tat. Die anschließend geplante Diskussion fiel aus.
Er strich auch demokratisch aus dem Sinn.
Blieb die Union.
>>Deutschland ist groß.<<, dachte Ronald und kehrte der Partei den Rücken.
>>Rot ist der Klatschmohn.<<, sponn er den Faden weiter und trat in die andere große Volkspartei ein.
Die Atmosphäre war angenehmer, nicht so hektisch und bestimmend, wie bei der anderen Organisation.
>>Genossen!<<, hieß es dort.
>>Laßt uns aufstehen und singen.<<
Da standen sie nun, die Ersten ihrer Zunft und hielten Händchen beim Kinderlieder-Trällern.
Und immer wieder die Anlehnung an ein eindeutig schlechtes Vorbild im Osten.
>>Genossen!<<, hieß es laufend.
>>Wir Sozialisten müssen zusammenhalten und unser Freund Putin in Moskau...<<
Bevor sich Ronald auch von diesem Irrweg verabschieden konnte, brach in den Blätterwald ein
Sturm.
>>Skandal!<<, hieß es dort in großen Lettern.
>>Betrug! Jahrzehnte schon wird beim Juristenexamen gemauschelt.<<
>>Vornoten orientierte Bewertung!<<
Die Aufgabentexte mit Lösungsskizze seien schon vorher einem Kreis Auserwählter zugänglich. Auch die Korrektur ginge nicht mit rechten Dingen zu.
So hieß es in der größten Zeitung des Landes und der Redakteur, der in seiner Kolumne Steckschuß auf Seite eins täglich über Banalitäten gequält plauderte, amüsierte sich königlich über den Fehltritt der Regierung.
Das Ereignis brachte sie ins Wanken. Schließlich waren viele einflussreiche Positionen in Politik und Wirtschaft von Juristen besetzt. Neuwahlen wurden öffentlich in Betracht gezogen, aber sie lachten nur darüber.
>>Erstens,<<, meinte der Vorsitzende der Partei im Bundestag bei einem Arbeitsessen in dem italienischen Restaurant im Landtag, >>benötigen die Roten dazu die Mehrheit, konstruktives Mißtrauensvotum genannt.
>>Ham se nich.<<, meinte der Ministerpräsident und aß weiter Pasta.
>>Und Zweitens, was ist daran konstruktiv, wenn man uns abwählt und die Roten an die Macht lässt?<<
Beide mussten lachen, bis ihnen das Essen stecken blieb und sie Hilfe brauchten.
>>Scusi!<<, fragte der Ober, nachdem er den beiden Gästen kräftig auf den Rücken geklopft hatte.
>>Warum so lustig? Bitte erzähle sie. Möchte auch lache.<<
>>Alles in Ordnung, Antonio.<<, antwortete der Vorsitzende.
>>Das war ein Scherz unter Politikern. Ohne euch wäre nichts so wie es ist. Die trauen sich kaum noch zur Wahl, diese Pfeifen.<<
Und wieder brachen sie in Gelächter aus, denn Pfeifenraucher brachten die Roten genug hervor.
Nach längerer Zeit stand wieder der Besuch eines Staatspräsidenten auf dem Programm.
Immer wieder fühlten sich die Häupter anderer Staaten genötigt dem kleinen Land seine Aufwartung zu machen. Ein Ruf wie Donnerhall eilte um den Erdball und kündete von kluger Regierung, die HighTec und Landwirtschaft nebeneinander gedeihen ließ.
So stand Kolumbiens erster Mann eines Tages auf dem Flugplatz und bestaunte das neue Gebäude.
>>Hola!<<, grüßte der Staatsmann und streckte die Hand aus.
>>Hallo!<<, erwiderte sein Gegenüber und schlug ein.
Nachdem der Präsident alles besichtigt hatte im Land, machte er seinem Gastgeber einen Vorschlag.
>> Im Vertrauen, presidente.<<, sprach der Südamerikaner und stieß dem Ministerpräsidenten in die Seite.
>>Genau wie bei uns hier. Marionetten als Regierung und an den Fäden zieht die Mafia.<<
Er machte eine Pause und der Ministerpräsident begann sich unwohl zu fühlen.
>>Du bist Präsident, ich bin Präsident. Warum tauschen wir nicht einfach, sagen wir für sechs Monate.<<
Dem Ministerpräsidenten wurde schwindelig.
>>Aber die Berge und im Winter der Schnee.<<, antwortete er heiser.
>>Bei uns sind die Berge höher und Schnee gibt es auch im Sommer.<<
Dabei lachte er verschwörerisch und zwinkerte mit den Augen.
>>Und die Vorteile?<<, fragte der Ministerpräsident verzweifelt.
>>Obst!<<, rief el presidente.
>>Billige Bananen für ihr Land!<<
>>Das reicht!<<, schrie der Ministerpräsident.
>>Spaß hin, Spaß her. Eine Bananenrepublik sind wir nicht!<<
Einen Tag später war der Staatsbesuch beendet und der Präsident saß wieder in seinem Flugzeug.
Er sah aus dem Fenster auf die grünen Flächen unter sich, sowie die Berge und vielen Häuser auf beiden Seiten.
>>Wie bei uns.<<, meinte er zu seinem Nachbarn.
>>Nur lachen, über was lachen die Menschen hier?<<





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