Dein Mann
von Ilana

 



-Regenzeit-

Er hatte plötzlich vor meiner Tür gestanden, an diesem verregneten Montag, letzte Woche. Ich war spät von der Arbeit gekommen, hatte mir die Suppe vom Vortag auf dem Herd warm gemacht, den Tisch nur für mich schön gedeckt und war in meine Lieblingsschlabberhose geschlüpft als es klingelte.
Ich konnte gar nichts sagen, als ich ihn dort stehen sah, die feuchten Haare hingen ihm wie Spinat in die Stirn.
„Da bin ich“, sagte David, gerade so, als wenn ich ihn erwartet hätte.
Ohne ein Wort ging ich einen Schritt zur Seite, ließ ihn hereinkommen. Ich nahm ihm die nasse Jacke ab, die nach Rasierwasser und warmem Regen roch und hängte sie zum Abtropfen in die Dusche.
Er war noch nie bei mir gewesen. Nicht hier zumindest. Nur damals in der WG, Berlin Wedding, die beinahe nur aus der kleinen Küche zu bestehen schien, in der sich an guten Tagen unser ganzer Freundeskreis tummelte und die der einzige Raum war, den wir uns im Winter erlauben konnten zu heizen, weil die hohen Decken die warme Luft förmlich fraßen. Zuletzt hatten Anja und ich uns so sehr an das Arbeiten in der Küche gewöhnt, dass wir den Computertisch in die kleine Nische neben das Vorratsregal schoben.

Ich holte einen zweiten Teller, noch ein Set, einen Löffel, eine Serviette und deckte ihm den Platz mir gegenüber. Die Suppe dampfte warm auf unseren Tellern und das Geräusch der Löffel am Porzellan verhinderte, dass mein Schweigen peinlich wurde.
„Ich habe einfach meine Sachen packen und aus dem Haus laufen wollen. Und als mir das zu lange dauerte, habe ich die Jacke genommen, mein Portmonee, und raus.“ Er grinste mich an, die Suppe tropfte zäh auf das Set.
Die Schlüssel hatte er auf den Küchentisch gelegt, den Ring daneben. Er war aus dem Haus gegangen, den kleinen Weg zum Gartentor hinaus, ohne sich auch nur noch einmal umzudrehen. In Gedanken sah ich ihn durch den Nieselregen gehen, ein wenig verwirrt, aber der Meinung, fest entschlossen zu sein und das Richtige zu tun.
Aber ich sah noch mehr, ich sah Anja nach Hause kommen, in meiner Vorstellung trug sie einen blauen Hosenanzug, einen schweren Mantel. Während David weiter löffelte, hörte ich Anjas Stimme in meinem Kopf, wie sie ein lautes Hallo rief, ihren Mantel an einer x-beliebigen Stelle fallen ließ und die einzelnen Räume des Hauses ablief, um ihn zu suchen.

Es schien ewig zu dauern, bis wir fertig gegessen hatten. Die lauwarme Suppe rann meine trockene Kehle hinunter, die weichen Karottenscheiben klebten störrisch am Löffel.
Es war schon spät, viel zu spät für uns und das hatte ich schon gewusst, als ich die Tür aufgemacht hatte. Und trotzdem war mir klar, was passieren würde, was kommen musste, wie es immer gekommen war.

„Schön hast du es hier“, seine Worte klangen wie aus einer Kaffee-Werbung.
„Danke.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, war mit dieser Situation, in der plötzlich nichts mehr zusammen passte, überfordert.

David half mir beim Abwasch, trocknete die Teller und die Löffel ab und legte alles auf den Küchentisch. Er wagte es nicht, meine Schränke zu öffnen, um nach ihrem Platz zu suchen.
Während er abtrocknete schaute ich ihn von der Seite an. Sein Haar war inzwischen getrocknet, die Haut müde fahl. Im matten Licht der Küchenlampe konnte ich seine Bartstoppeln erkennen, die sich ungleichmäßig über Wangen und Kinn verteilten und ihn sehr männlich wirken ließen.
Er sagte nichts, schien ganz leise geworden, atmete flach.

Nachdem wir die Küche aufgeräumt hatten, ging ich wortlos ins Bad und machte mich fertig.
Nach dem Abschminken entdeckte ich im Spiegel das vertraute Gesicht im falschen Zusammenhang. Dieses gerötete, müde Gesicht gehörte allein mir und ich war nicht darauf eingestellt es hier mit jemandem zu teilen.

Als wäre es immer so gewesen lag dein Mann in meinem Bett als ich aus dem Bad kam. Er trug ein weißes T-Shirt, unter dem sich ganz deutlich die Muskelpartie oberhalb des Bauches und an den Oberarmen ausmachen ließ und für einen Moment dachte ich wieder an die Nacht im Zelt letzten Juli, an ihn und mich. Für einen kurzen Moment hatte ich wieder seinen Geruch in der Nase, gemischt mit dem Duft einer frisch gemähten Wiese und einer Luftmatratze.

Das Bett war angenehm warm, als er die Decke hob, um mich unterschlüpfen zu lassen.
Danke, murmelte ich und wandte ihm den Rücken zu.

David löschte das Licht.

„Du willst mich nicht hier haben, ist es das?“
Das ist es nicht, möchte ich sagen.
„Sag doch was!“ Der Ton seiner Stimme klang angestrengt, fast zittrig. Die Dunkelheit machte sichtbar, was er am Tag übersehen hatte.
Ich wusste, was ich sagen sollte, müsste, um diese Situation zu retten, sie nicht peinlich werden zu lassen, mir einen Eklat und ihm das Gefühl sich für nichts und wieder nichts völlig lächerlich gemacht zu haben, zu ersparen.
Aber ich war wie eingefroren. Stocksteif lag ich unter der Daunendecke und starrte in die Dunkelheit.
„Es ist nur ungewohnt, sonst nichts. Es war ein langer Tag, wirklich.“
Dein Mann atmete tief ein und aus, seine Hand suchte meine unter der Bettdecke und hielt sie ganz fest.
„Ich weiß, dass ich das einzig richtige getan hab. Ich wusste es schon heute morgen, als ich aus der Tür heraus bin. Ich habe uns nie bereut.“
Beim Wörtchen „uns“ spürte ich ein Brennen im Bauch und krümmte mich unbewusst.
Ich schon, möchte ich erwidern und ihm dabei in die Augen sehen, Aber das war kein Satz, der in diese Situation passen würde, der angebracht wäre oder jetzt zu irgendeinem Ergebnis führen könnte.

Ich schon.

Was Anja jetzt wohl machen würde? Ich stellte sie mir vor, wie sie alleine auf ihrem Sofa saß und das Telefon anstarrte. Sah die zusammengeknüllten Taschentücher auf dem Fußboden und überall um sie herum liegen. Spuren von verlaufener getrockneter Wimperntusche bildeten ein Verkehrsnetz auf ihrem Gesicht.
So war es immer gewesen bei ihr, viele stumme Tränen, Taschentücher und ich. An ihrer Seite.
Und umgekehrt. Sie, bei mir. Damals, als ich mich von Ruven trennte, später, als ich herausfand, dass Björn mich betrog. Das letzte Mal letzten Juni, am ersten Tag unserer Campingtour, als ich ihr von meiner verkorksten Beziehung mit Thorsten und seinem Auszug erzählte. Kurz davor, mir wieder ein kleiner 2-Zimmer Apartment zu mieten. Alleine.
„Du wirst schon sehen, es kann auch anders sein“, hatte sie gesagt und meine Schulter gestreichelt.
„Das hab ich zu dir auch immer gesagt, oder?“, hatte ich schluchzend erwidert. „Das sagt man doch immer. Und…meint man es auch so? Das sind doch alles bloße Verlegenheitsäußerungen. Es ist immer alles gleich…“
Anja wusste, was ich meinte. Sie war lang genug Single gewesen, hatte lang genug eine Wohnung mit mir geteilt um zu wissen, dass meine Beziehungen stets ein ähnliches Ende nahmen. Irgendwie schien ich das Drama anzuziehen…oder zu erzeugen.
„Überleg doch wie es bei mir und David gefunkt hat….das hätte ich am Anfang auch nie vermutet…“

**
„Lene, bist du noch wach?...Lene?“
David knipste das Nachttischlämpchen an.
Das helle Licht brannte durch meine geschlossenen Augen und ich beschloss, nicht zu reagieren.
„Lene?...Scheiße..“
**

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, duftete es aus der Küche bereits nach frischem Kaffee und warmen Brötchen. Der Wecker zeigte 8.00 Uhr und das Kissen neben mir war zerknautscht aber leer.
Jetzt erst erinnerte ich mich an gestern Abend, den triefnassen David und eine peinliche Nacht.
Entschlossen schlug ich die Decke zurück, schlüpfte in dicke Wollsocken und schlich wie eine Fremde in meine Küche.
Der kleine Küchentisch war pompös gedeckt. Gekochte Eier, Tee, Kaffee, Orangensaft und eine riesige Tüte vom Bäcker ließen ihn aussehen, als würde sich jede Minute eine kleine Familie an den Tisch setzen und essen.
Von David keine Spur.

Es wurde 10 bis ich es wagte, ein Brötchen aus der Tüte zu nehmen und mir Kaffee einzuschenken. David war immer noch nicht aufgetaucht und ich verdrängte den Gedanken weiter auf ihn zu warten aus meinem Kopf.

Als ich abends vom Yogakurs kam, saß David bereits auf der Treppe.
Von ersten Stock aus hatte ich bereits seine Turnschuhe erahnen können, waren mein Herz und meine Schritte schneller geworden.
Er versuchte ein Lächeln: „Du hattest mir keinen Schlüssel dagelassen..“
„Wo warst du?“, fragte ich möglichst gleichgültig, während mir gleichzeitig ein Stein vom Herzen fiel, dass er zurück war, hier bei mir. Vor meiner Wohnungstüre. Dass er auf mich gewartet hatte, wer weiß wie lang.
„Ich hatte noch etwas zu erledigen. Da war noch ein Anruf auf meinem Handy, von Anja.“
Schweigen.
Anja.

**

Anja und ich sind nicht die Art Freundinnen gewesen, die sich bereits im Kindergarten kennen gelernt haben, in der Grundschule stets zusammen saßen und sich in der Pubertät über die ersten Küsse austauschten. Wir waren uns auch nicht im Geringsten ähnlich.
Sie, geordnet, rational, tough. „Aufgeräumt.“
Wir hatten uns am Schnuppertag in der Uni kennen gelernt, als wir beide am schwarzen Brett standen und nach einer Wohnung suchten.
Sie hatte so hübsch ausgesehen. Kurzes blondes Haar, lange Wimpern und hohe Wangenknochen.
Anja.

**

Ich fragte nicht, was er Anja erzählt hatte. Wollte nicht wissen, ob er ihr gesagt hatte, wo er war. Sobald ich mit David zusammen war, existierte Anja nicht mehr. War David David und nicht Anjas Ehemann.
Sie hatte mir David damals in der WG vorgestellt, „Das ist mein Zukünftiger“, hatte sie strahlend verkündet, und ihn ungeschickt vor sich geschoben, da kannten die beiden sich gerade 2 Monate. Er gefiel mir. Völlig untypisch, eigentlich, da ich Anjas Männer immer recht oberflächlich fand. Meist schleppte sie diese Finanzberater oder Börsenjungs an, einmal auch einen Juristen.
David war Tischler. Er hatte breite Schultern und große starke Hände. Er betrieb außerhalb der Stadt eine kleine Werkstatt, in der er Antiquitäten restaurierte und Holzspielzeug fertigte. Auf Bestellung tischlerte er auch kleine Möbel.
Mein Nachttisch ist von David. Er hatte zwei Wochen nach dem Campingausflug einfach vor meiner Tür gestanden.

**
Nach drei Nächten hatte ich mich an den Besucher in meinem Bett gewöhnt. Davids Körper war immer warm und weich und schmiegte sich im Schlaf an meinen Rücken. Er war wie ein Panzer und schien alles böse von mir fern zu halten. Bald schon glich sich unser Atemrhythmus an und ich ertappte mich dabei, mich wieder glücklich zu fühlen.
Genauso wie wir nicht über Anja sprachen, war auch nie die Nacht im Zelt Gegenstand unserer Unterhaltung, obwohl ich oft an sie dachte.
David ging morgens in die Werkstatt und kam nachmittags zurück. Bevor er fuhr machte er mir Frühstück und räumte die Spülmaschine aus.
Es hätte immer so weiter gehen können.
Der Gedanke ließ mich nicht los, dass ich jemandem sein Leben gestohlen hatte. Beim Einkaufen fühlte ich mich beobachtet, dachte, in jeder kurzhaarigen blonden Frau Anja zu sehen. Ich wusste noch nicht mal, wie sie ihr Haar jetzt trug. Seit letztem Jahr hatte ich sie nicht mehr gesehen.
Ich fragte mich, ob David an Anja dachte. Genau wie ich, jeden Tag. Ob er an sie dachte, während er mit mir schlief, oder danach, wenn er schwer atmend neben mir lag und an die Decke starrte. Ich wusste er dachte, ich würde längst schlafen. Doch ich fühlte seinen Blick in der Dunkelheit, wie er abwechselnd auf meinen Rücken und an die Zimmerdecke fiel und schlief erst ein, wenn ich ihn neben mir tief schnauben hörte.
Man könnte Anja und mich nicht verwechseln. So wie Anja mit ihm, ist er mit mir völlig von seinem Typ abgewichen.
Ich hatte keinen Typ Mann, den ich bevorzugte. Nie gehabt. In jedem hatte ich immer eine Besonderheit gesehen, mal waren es die kleinen Härchen im Nacken, die mich anzogen, mal das kräftige Haar, die großen Augen, die Stimme. Das einzige, was ihnen allen gemein war, war die Tatsache, dass sie schlank waren, und groß.

+++

Mitten in der Nacht riss mich das Klingeln des Telefons aus dem Schlaf.
Als ich den Hörer abnahm, hörte ich ein leises Schluchzen.
„Lene, bist du es?“
Anja.
„Lene, Mensch, Lene“, sie versuchte, sich zu fassen. Sie musste inzwischen schon eine Woche allein gewesen sein.
„Anja“, sagte ich nur.
„Lene, du glaubst nicht, was passiert ist.“
„Was ist denn los, du weinst ja, beruhige dich doch erstmal.“ Während ich diesen Satz aussprach, hasste ich mich schon. Wusste ich doch genau, was los war, was oder besser wer ihr fehlte. Nur schien sie nicht die geringste Ahnung davon zu haben, was ich mit ihrer Misere zu tun haben könnte.
„David ist weg, Einfach weg“, sie schluckte, „Als ich letzte Woche nach Hause kam, ist er nicht da gewesen, und ich dachte, er sei einkaufen oder würde länger in der Werkstatt arbeiten. Aber…aber, nichts, er ist nicht wiedergekommen.“
„Oh…“
„Kannst du dir das vorstellen? Er ist wie vom Erdboden verschluckt, nicht mehr da.“
„Hast du ihn gesucht?“
„Gesucht, gesucht. Ja wo denn? Du weißt doch wie groß diese Stadt ist. Er kann doch nicht einfach weg sein, Lene, oder?“
In seiner Werkstatt, hatte ich sagen wollen. Bist du denn nicht einmal auf die Idee gekommen, in seine Werkstatt zu fahren? Natürlich war sie es nicht. Sie hatte seine Arbeit immer eher belächelt. Er arbeitete ja „nur“ mit den Händen. Jetzt hasste ich Anja.
„Hast du’s mal auf seinem Handy versucht?“
„Direkt am nächsten Tag habe ich ihn angerufen. Er hat gesagt, es ginge nicht mehr. Er müsste seinem Herzen folgen. Kannst du dir das vorstellen? Das klingt doch wie in einem Schundroman…“
Anjas Stimme wurde brüchiger und ich wusste, sie würde jeden Moment wieder in Tränen ausbrechen.
Ich war müde und das Telefonat strengte mich an. Aus einem Augenwinkel heraus beobachtete ich David, der tief und fest schlafend neben mir lag, sein Bein um meines geschlungen. Nur nicht aufwachen, nichts sagen, dachte ich.
„Anja, ich weiß jetzt auch nicht…es ist spät und…“
„Hast du Besuch? Entschuldige, Tschuldigung, ich sollte nicht..“
„Nein, nein, kein Problem. Aber lass uns morgen weiter sprechen, ja?“ Auch wenn ich dann immer noch nicht wissen würde, was ich sagen sollte. „Vielleicht sieht ja morgen die Welt schon ganz anders aus.“
„Ja…“, sagte Anja zögerlich, „Ja, vielleicht hast du Recht.“
„Gut. Und jetzt...“
„Lene?“
„Ja?“
„Lene, meinst du, er kommt wieder?“
Das war zu viel. Ich wusste es nicht. Ich wusste, wo David jetzt war, wenn auch nicht warum. Und erst recht nicht, wie lang.
„Bestimmt, Anja..“, log ich, „bestimmt kommt er irgendwann wieder.“
„Komm doch diese Woche mal zu mir, Lene, ich brauche dich. Vielleicht morgen?“
„Ich rufe dich an, versprochen, ja? Und jetzt schlaf erstmal ein bisschen.“
Lange nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, starrte ich noch auf das Telefon und bemerkte erst gar nicht, dass David mich ansah.
„War das Anja?“, fragte er.
Ich musste nichts sagen. David, zog mich zu sich und ich verbarg meinen Kopf in der kleinen Kuhle in seiner Brust. Dort war es warm und sicher, und ich wünschte mir, es könnte immer so bleiben.


Interlude

Es hatte den ganzen Tag geregnet und meine Lust aufs Zelten schien mit jedem weiteren Schauer abzunehmen. Markus fuhr viel zu schnell und wurde nervös als ihm klar wurde, dass mein Talent eine Karte zu lesen relativ eingeschränkt ist. So schielte er abwechselnd auf die Karte und auf die Straße, oder auf das, was er zwischen den Scheibenwischern erahnen konnte.
Ich blinzelte in den Rückspiegel und beobachtete Anja und David. Er hielt ihre Hand in ihrem Schoß, sie lehnte an seiner Schulter und schlief. Hinter meinem Sitz saß Susanne und plapperte unentwegt von den Erfahrungen, die man nur in freier Natur und nur bei diesem Wetter machen konnte. Schön-Wetter-campen könne doch jeder!
Das Zelten war Anjas Idee gewesen. Sie wusste, dass David ein Naturmensch war und wollte ihm mit Fortschreiten der Beziehung unter die Nase reiben, dass sie die richtige für ihn sei und seine Interessen teilte.
Markus und Susanne gehörten damals zu unserem engeren Kreis. Sie tauchten immer zusammen auf, obwohl sie offiziell kein Paar waren, verschwanden aber auch immer zusammen. Er war ein sportlicher Typ, mit einem viel zu kleinen Kopf für seinen massigen Körper. Susanne eine Nervensäge mir langen struseligen Haaren und einem Pony, der ihr immer so im Gesicht lag, dass man ihr beim Reden nicht in die Augen sehen konnte. Eine Sache, die mich immer besonders störte, weil ich bei den Abstrusitäten, die sie teilweise äußerte, oft unsicher war, ob sie nur einen Witz machte, oder es Ernst meinte.

Als wir 4 Stunden später und völlig genervt auf dem Campingplatz angekommen waren, hatte es wenigstens zu regnen aufgehört und wurde etwas heller. Anja war übermotiviert aus dem Auto gesprungen. „David-Schatz, guck mal, da kommt die Sonne für uns..“
Ich hatte einen fahlen Geschmack im Mund und half Markus auszuladen, während Susanne und Anja abwechselnd aufjauchzten, als sie bemerkten, dass der aufgeweichte Boden nicht der beste Untergrund für ihre FlipFlops war.
Ihre letzte Erfahrung mit Zeltplätzen hatten beide bei einem Technofestival in ihrer Jugend gemacht, bei dem sie schätzungsweise so zugedröhnt gewesen sind, dass ihnen diese Kleinigkeiten nicht aufgefallen sind.

Unser Zeltplatz lag inmitten einer südfranzösischen Pampa, dessen Namen sich keiner von uns merken konnte. Wir bauten unsere Zelte auf und richteten unser Lager für die nächsten Tage ein. Anja und David schliefen in einem drei Personen Igluzelt, genau wie Susanna und Markus. Ich schlief in einem Tunnelzelt das mir David aufzubauen half, während die anderen drei das Campingplatz-Kiosk suchten.

David wickelte geschickt die Einzelteile aus dem Beutel und ordnete sie auf der Wiese. Nach wenigen Handgriffen schien er das System durchschaut zu haben.
„Du machst so was öfter, was?“, hatte ich gefragt, während ich mich ziemlich dumm dabei anstellte, die Zeltplane auf die richtige Seite zu schlagen.
David hatte aufgesehen und gelacht. „Nicht, wenn ich nicht muss.“
Seine Augen waren tiefblau, eingerahmt von ausdrucksstarken schwarzen Augenbrauen, die sich beinahe über der Nasenspitze trafen.
Ich hatte mir bisher nicht die Mühe gemacht, ihn genauer kennen zu lernen. Sich mit Anjas Männern anzufreunden hatte ich immer vermieden.
„Hast du dieses Zelt jemals schon mal aufbaut gesehen?“ fluchte David, als gute 2/3 des Zeltes standen und weitere Teile zu fehlen schienen.
„Wenn ich ehrlich bin…nein…zelten ist nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung.
Ich hatte nicht den Eindruck, als sei es seine.
Im Kofferraum des Autos fand ich einen weiteren Beutel, auf dem TZ stand. Tunnelzelt.
Als mein Zelt endlich stand kamen die anderen von ihrer Erkundungstour zurück. Susanne lutschte ein Eis am Stiel, das ihre Zunge grün gefärbt hatte.
...to be continued

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