india_10
von riemsche

 

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Dem mitteleuropäischen Besucher öffnet Indien eine völlig neue Dimension an möglichen Definitionen zum Thema Armut. Delhi ist in dieser Hinsicht wohl der Hardcore-Einstieg, vermittelt ein krankes Zerrbild menschlicher Tragödien - zwingt Indien-Neulinge oft schon nach wenigen Stunden auf der Straße kreidebleich wieder zur Rückkehr ins vermeintlich sichere Hotelzimmer. Immer den Blick gerade aus - nach Möglichkeit nicht auf den Boden sehen.

Man blickt in tote Augen, deformierte Gesichter, verstümmelte Körper kriechen, robben, liegen überall. Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt, diese Leute würden nachts von der Straße geholt, unter Drogen gesetzt, in Fabriken fachmännisch zersägt und dann täglich als lebende Opferstöcke an touristischen Hotspots der Stadt deponiert. Mütter in zerlumpten Saris verstecken hinter dreckigen Tüchern Gold in Nase und Ohren, strecken einem mit einer Hand den blanken Hintern ihrer Kleinkinder ins Gesicht (keine Unterwäsche ist gleich arm - angenommenes westliches Denkmuster ?) während die andere in Höhe der Geldgürtel unter verschwitzten Hemden fordernd zuckt. Die Englischkenntnisse der Minderjährigen beschränken sich vorerst altersunabhängig und nach Priorität geordnet auf " 10 Rupies, school-pen und schocolade ". Das fast schon formal angehängte "please" kann je nach schauspielerischem Talent mittels Mimik und Tonlage von weinerlich bis agressiv variieren - wobei gut kopierte Markenkleidung und mühsam unterdrücktes Lachen der fast spielerisch vorgetragenen Bettelshow keinen Abbruch tut .

Wem gibt man was - und wenn, wieviel ? Dieses Dilemma löst kein Tip im Travelguide, kein gutgemeinter Rat eines Reisebegleiters, auch kein großzügiges Spenderherz (dazu sind es einfach zu viele) sondern jeder individuell für sich. Ist man länger in diesem Land unterwegs trifft man auf sie - Kinder, die in dünne Decken gewickelt unter freiem Himmel schlafen und dir - von deinen zu lauten Schritten halbwach und übers ganze Gesicht lächelnd - im Chor ein fröhliches GoodNight auf den Weg ins warme, saubere und gemütliche Gästehaus mitgeben. Dann freue und schäme ich mich zugleich.

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