india_12
von riemsche

 

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Oft gehe ich zum Nigam Bodhghat, dem Platz, wo die Hindus ihre Toten verbrennen. Vor den Toren des Basars, direkt am Fluss Yamuna, der aschgrau vorbeifließt. Jede Nacht leuchten um die zehn Scheiterhaufen. Ein paar Stunden dauert es, dann züngeln Flammen aus den leeren schwarzen Augen, der Rumpf richtet sich auf, Fleischfetzen knallen, Rauch treibt zwischen den Zähnen hervor. Das ist ein guter Abschied: dableiben und zuschauen, wie ein naher Mensch verglüht. Zeit für letzte Vorwürfe, für ein letztes Verzeihen. Es ist ruhig, eine Kuh wärmt ihre Haut, zerzauste Hunde, eine Ziege stochert in alten Knochen. Von einem winzigen Krishna-Tempel kommt das glückliche Geschrei eines Brahmanen. Eine Stunde am Abend umwandert er sein Heiligtum, wirft die Arme hoch und ruft: "Hari om !". Arul raucht, hustet, die Kuh sucht sich eine andere Leiche als Heizkörper, eine Frau weint leise, Nebel fällt.

Einmal um diese Zeit treffe ich Nakim. Er ist Bauarbeiter auf einer kleinen Brücke, kann nicht schlafen, sitzt auf seinem Feldbett. Neben ihm ein Haufen Kies und Sand. "How are you?" fragt er, als ich vorbeikomme, und mit einem: "Take it, please" reicht er mir ein Stück Chikkli, eine aus Kokosnuss, Erdnüssen und Zucker gepresste Süßigkeit. Sein Bruder wacht auf, noch zerschlissener, noch drahtiger wie Nakim. Er verteilt Bidis. Seltsam. Wie glücklich und verwirrt ich jetzt bin. Indien wird dich töten oder erlösen, sagen sie hier. Aber nie wird dein Herz stillstehen, immer wieder wird es sich erregen beim Anblick des Nichtfassbaren.

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