india_15
von riemsche

 

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Ein Haus weiter hört man die Tretmühlbohrer des Herrn Singh, eines "Bachelor of Dental Diseases", und die Schreie eines Patienten, dem er gerade das Gebiss aufbohrt. Die luftige Ein-Quadratmeter-Praxis verfügt über die notwendige Gerätschaft. Zwei unverpackte Spritzen, Ersatzzähne, elf leicht angerostete Eisenfeilen. Und die Wände voller Sonnenbrillen - Singhs Nebenverdienst. In einem Verschlag neben ihm verschleudert Zahid seine "All Pain Tablets". Mitunter räumen Polizisten mit ihren Knüppeln Tische ab. In diesen Fällen liegt ein Zahlungsrückstand vor. Man schaut vorbei, um nachdrücklich an eingegangene Verpflichtungen zu erinnern. Korruption überall. Jeder weiß, dass auf dem Markt lastwagenweise gestohlene Maschinen und Elektrogeräte verkauft werden. Die Polizei weiß es als erstes. Sie ist die letzte, die sich verplappert.

Nebenan In der G.B.Road warten sie - auch 14jährige. Als mir über ein schmieriges Treppenhaus von oben Polizisten entgegenkommen, verschwinde ich um die Ecke, Prostitution steht unter Strafe. Man beruhigt mich: "This building is goverment approved, relax" - heute ist also nur Zahltag für Bordelle. Vor halboffenen Türen schöne Mädchen, Kinder. Nicht schüchtern, durchaus drängend. Zu viele von ihnen stehen zur Verfügung, warten auf 100 Rupien "for one shot". Ein Job für harte Nerven, ein versteckter Blick genügt. Die gerippte Holzpritsche, am Boden das feuchte Klopapier und Gummis, sechs Quadratmeter ohne Fenster. Bitteres, grausames Indien. Und welche Ironie. G.B.Road bedeutet hier -offiziell falsch, aber bei den Leuten nur so bekannt- "Gandhi-Baba-Straße". Das muß ihn treffen, den Mahatma, den flammenden Keuschheitsapostel: sein Name für eine Puffzeile.

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