india_16
von riemsche

 

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Quell vieler intensiv erlebter Momente sind die Sexclinics, Sexologists, Sexspecialists und Sextherapists, die im großen Basar von Old Delhi ihren hochdotierten und geheimnisvollen Gaunereien nachgehen und ich, Verlierer einer dummen Wette, komme als Patient, mein Leiden: sexuall weakness, das klingt grausam, aber die Herren schmunzeln, wissen schon Bescheid, beginnen mit einem thorough physical checkUp, also Hose runter, der schwierigste Moment, da ich schier unaufhaltsame Lachkrämpfe unterdrücke, wenn ich sehe, wie Sexganoven ihr Handwerk betreiben, Dr.Gupta hört mit dem Stethoskop meine most private parts ab, Dr. Sablok braucht eine Lupe - wie deprimierend - und der dritte, Dr. Rajinder, fingert mit einem Elefantenvibrator an mir ´rum, doch ich reiße mich zusammen und höre gefasst die Diagnose, die da lautet: kein einfacher Fall, kaum Reaktion, eine Behandlung wäre langwierig, vom Africa Treatment über das London Special bis hin zu den Nawabi Shahana Super Special Pills wäre alles zu haben, von 1150 bis 21000 Rupien, mit luxuriösen Ingredienzen: Moschus, Safran, gestampfte Kräuter und Pflanzen, Edelsteinpulver, Goldstaub, Silberkrümel, einfach alles, einzunehmen zweimal morgens, zweimal abends, mit Milch, die Instruktionen sind umfangreich, klingen umständlich kompliziert, während nebenan bei Allgemeinarzt Balraj Dhir und dessen zwei Helfern rasch und effizient gearbeitet wird, dort schreibt der Doktor auf Rezeptformulare mit elfzeiligem Briefkopf, das lieben die Inder, so eine pyramidale Lebkuchensprache, die aus einer ebenerdigen Bruchbude ein Forschungslabor zaubert und - Ayurveda schafft Vertrauen, ist die Wissenschaft vom langen Leben, reine Naturmedizin, zudem ist der Meister Gold Medalist und Psychiatrist, ein weiser Mann, der das Valium meistens im Schrank lässt, wie er mir sagt, während er noch mit anderen Patienten diskutiert, im Augenblick sind es vierzehn auf acht Quadratmeter, plus des Doktors Fahrrad, das an der Wand lehnt, plus einer bauchkranken Frau auf der Holzbank hinter dem Vorhang, den Stoß Zeitungen als Kopfkissen, ein Taubenschlag, Verband herunter, desinfizieren, Salbe drauf, neuer Verband, Schleife binden, "one rupee" - diese magische Ein-Rupie-Münze - "next, please" größere Wunden machen 50 Paisa mehr, mit Großmutters Haushaltsschere einen Fingernagel aus dem Eiterbett schneiden, eine gequetschte Zehe beruhigen, einen Abszess öffnen und die Penizillinspritze rein, Fäden aus zwei Kopfhäuten ziehen - einmal Unfall, einmal Polizeiknüppel, Kindertränen, Männerflüche, Frauenseufzer hinter vorgehaltener Hand, wo getuschelt wird, bei Mohammed Ghayas wäre alles anders, ein ehemaliger Ringer, der jeden Sonntag ganz in der Nähe seine Praxis unter freiem Himmel installiert, ein paar breite Schnüre, eine Rasierklinge, Phans Kholnaa nennt er die Methode, was soviel heißen soll wie: einen Knoten lösen, und alle Mühseligen, Gebuckelten schlurfen zu ihm her, Söhne transportieren gichtgeplagte Mütter, Ehefrauen ihren ausgepumpten Rikschamann, Freunde schleppen den hexenschußgequälten Nachbarn, Zuckerkranke, Arthritisgepeinigte, Bandscheibenopfer, alle hoffnungslosen Fälle, alle: "I tried anything", Mohammed behandelt jeden, zeigt selbstbewußt seine Pressemappe, ein Fotoalbum, ein Goldenes Buch, in das vorgebliche Bankdirektoren, Professoren, Schauspieler und das ganz normale, schwerkranke Fußvolk ihre Dankbarkeit hineingeschrieben haben, selbst die CP, die kommunistische Partei, wurde geheilt, jedermann preist den guten Doktor vom Meena-Basar, nur der Informationsminister fürchtet ihn, denn Mohammed will unbedingt ins Fernsehen, noch ist nichts entschieden, darum kuriert er bis zu 40 Patienten am Tag, schlechtes Blut ist seine einzige, einmalige Diagnose, es muss raus, er schnürt ein Bein des Leidenden, die Venen schwellen, vier oder fünf Ritze mit der Klinge in den Fußrücken und das böse, das schwarze Blut fließt ab, mit Wasser nachspülen, abwarten, ein bisschen Zementpuder auf die Wunde, geheilt - und wenn nicht, schwierige Fälle kommen wieder, wem die Sinne schwinden, weil er das Messer fürchtet, der wird behutsam gebettet, Ziegen und Gänse schauen zu, die Sonne brennt, auf dem wackligen Holztisch ein Bild von Buddha, er soll Mohammed im Traum das Rezept für eine Salbe gegen Kinderlähmung geflüstert haben, stolz holt er aus dem Schrank mit dem Viehfutter die Dose, zeigt ihn mir, den braunen Batz, im Bedarfsfall - bei ersten Lähmungserscheinungen - sofort auftragen, mehrmals .. oh heiliger, oh wunderbarer Schwachsinn.

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