Der Tote am Strand
von Carsten Maday

 

Entscheidungen. Wir alle trafen sie. Täglich kleine, manchmal große. Und bisweilen kam das Schicksal der Menschheit an einen Punkt, an dem große Männer Entscheidungen trafen, die den Lauf der Geschichte veränderten. Dies war einer dieser Momente. Ich spürte es mit erhabenem Schauer, als der Mauszeiger auf den roten Knopf fuhr.
>Jetzt werde ich Tod werden, der Zerstörer der Welten<, sagte ich. Es war eine harte Entscheidung. Aber sie musste getroffen werden. Die Zeit des Zögerns war vorbei. Ich erhob den Mittelfinger meiner Linken zum entscheidenden Klick. Niemand würde mich noch aufhalten.
Meine Freundin kam in mein Zimmer.
>Duuuuhu<, sagte sie und schenkte mir ein strahlendes Lächeln. Mein Finger hielt erschrocken inne, als ich erschauderte. Ich liebte meine Freundin und führte seit langen Jahren eine glückliche Beziehung mit ihr. Doch im Laufe der Jahre hatte ich eines fürchten gelehrt: das langgezogene Du. Es konnte der Auftakt von etwas völlig unschuldigem sein:
>Duuuuhu! Ich glaube, wir haben keine Milch mehr.< Was gemeinhin meinen Gang zum Supermarkt einläutete. Oder dem Du folgte etwas Verhängnisvolles: >Duuuuhu, in welche Richtung würdest du sagen, bewegt sich unsere Beziehung eigentlich?< Das waren die schlimmsten Duuuuhus, weil ich es bis zum heutigen Tage nicht gelernt hatte zu erraten, welche Antwort darauf von mir erwartet wurde. >Muss eine Beziehung sich denn bewegen? Kann sie nicht wie eine bequeme Jogginghose sein, in die man nach einem anstrengenden Tag schlüpft und die einem sogleich ein behagliches Gefühl spendet< hatte ich aus leidvoller Erfahrung als Antwort ausschließen können. Auf diese Antwort folgte ein Streit, der damit endete, dass ich meine innig geliebte und leicht löchrige Jogginghose in die Mülltonne warf.
>Duuuuhu<, sagte also meine Freundin. >Hast du einen Moment Zeit?<
Das konnte ja alles bedeuten. Diese Ungewissheit war das schlimmste. Panik ergriff mich. Ich beging einen fatalen Fehler. Ich zeigte auf den Bildschirm und murmelte etwas wie:
>Ich bin gerade mitten in-<
>Spielst du wieder eines dieser Killerspiele<, erwiderte sie mit tadelnder Stimme.
>Was? Nein!<
>Hast du keine Angst, dass du gegen deine eigenen Schüler spielst?<
>Nein habe ich nicht. Der durchschnittliche Gamer ist heute über dreißig Jahre alt< zitierte ich eine Studie, die vermutlich von überdreißigjährigen Gamern in Auftrag gegeben worden war. Und seltsamer Weise sprach meine Freundin an, was ich selbst beargwöhnte. Irgendwie vermutete ich, dass es sich bei dem Typen aus einem dieser menschenverachtenden Killerspiele, der sich TeachRKillR456 nannte, um keinen anderen als Kevin Görgens aus meiner 10b handelte. Die Zahlen stimmten exakt mit den Noten seiner letzten Klassenarbeiten in Latein überein. Ach, Kevin, ein Aufwärtstrend war nicht festzustellen.
>Ha!<, machte meine Freundin spöttisch.
>Wirklich, ich spiele ein völlig harmloses Strategiespiel. Darin führt man die Menschheit von der Steinzeit in eine strahlende Zukunft.< Ich zeigte auf den Bildschirm. >Siehst du, das ist meine Zivilisation mit ihren blühenden Städten, ihren kulturellen Wundern und technologischen Errungenschaften. Ich bin, ähm, Stalin, der friedliebende Anführer des russischen Volkes.<
>Wer ist das da<, fragte sie mit mehr Interesse, als mir lieb war.
>Das ist die Nachbarzivilisation. Das sind ganz aggressive Typen, die dauernd irgendwelche Forderungen stellen und auf Krieg rüsten. Siehst du, in dieser Stadt haben sie zwei Einheiten Bogenschützen stationiert. Ein imposante Offensivstreitmacht, die meine Grenzen bedroht.<
>Sehen irgendwie indisch aus.<
>Ja, jetzt wo du es sagst<, stimmte ich zu.
>Und wer führt die an<, hakte sie nach.
>Ach, irgend so ein Typ. Gandhi glaube ich.<
>Und was ist das?< Sie setzte ihr Verhör unbarmherzig fort.
>Öhm, das sind ICBMs. Reine Verteidigungswaffen, die-<
Ich hatte leider vergessen, dass meine Freundin einst als Jugendleiterin in der Kirche an zahllosen Osterdemonstrationen teilgenommen hatte.
>Interkontinentale Atomraketen?<
>Verfluchte Friedensmarschierer<, murmelte ich kleinlaut.
>Bitte?<
>Ach nichts.< Ich kam zu dem Schluss, dass ein langgezogenes Du mittlerweile nicht verfänglicher sein konnte, als unsere derzeitige Unterhaltung. Ach, was für ein Narr ich doch war.
>Wolltest du nicht über irgendetwas mit mir reden<, seufzte ich.
>Wie du weißt, habe ich beruflich ein sehr anstrengendes Jahr vor mir. Ich werde wohl häufig verreisen müssen<, sagte sie und betonte das Ich für meines Geschmack etwas zu sehr. Irgendwie schien die Welt eifersüchtig darauf zu sein, dass ich eine ruhige Kugel als Lateinlehrer schob.
>Ich habe auch einen anstrengenden Beruf<, sagte ich.
Sie legte mir die Hand auf die Schulter: >Aber natürlich hast du das, Schatz. Also, da ich so viel reisen muss dieses Jahr, dachte ich, wir könnten unseren Urlaub vielleicht etwas ruhiger angehen lassen.<
>Aha<, sagte ich misstrauisch. >Was schwebt dir da so vor?<
>Ich möchte dieses Jahr unseren Sommerurlaub in einem Wellnesshotel an der Ostsee verbringen<, sagte sie freudig strahlend. Ich war überrumpelt. Draußen herrschte schmuddeliger Winter und der Sommer erschien so weit entfernt, dass ich noch keinen Gedanken an ihn verschwendet hatte.
>Die Ostsee<, sagte ich zweifelnd und kramte in Gedanken nach allen Vorurteilen, die ich kannte: verregnete Sommer, eiskaltes Wasser und spießige Strandkörbe. Mit mir nicht, dachte ich empört. Am besten, ich machte meiner Freundin einen Gegenvorschlag. Das würde ihr den Wind aus den Segeln nehmen.
>Die Ostsee ist doch langweilig<, sagte ich und verknüpfte diese Aussage geschickt mit einem Appell an unsere schwindende Jugend.
>Hör mal, Schatz. Noch sind wir jung. An die Ostsee können wir auch, wenn wir alt sind. Ich möchte fremde Länder sehen, Abenteuer erleben, nicht dröge im Strandkorb hängen, sondern aktiv sein bis an die Belastungsgrenzen meines Körpers.< Ich lächelte sie gewinnend an.
>Letztes Jahr sind wir auf deinen Wunsch in die Dominikanische Republik geflogen. Zwei Wochen all inclusive<, sagte sie und zerstörte ohne Gnade das Bild des großen Abenteurers, das ich irgendwie noch immer in meinen Tiefen von mir selbst hatte.
>Und die drei Kilo, die du dir dort angefuttert hast<, sagte sie und kniff mir liebevoll in den Bauchspeck, >hast du zuhause mit Gewinn angelegt.< Ich sah sie böse an. Dabei war das nicht meine Schuld. Ich war genetisch benachteiligt. Irgendein Gen befähigte meine Freundin dazu, trotz eines langen Arbeitstages abends ins Fitnesscenter zu gehen. Bei mir fehlte dieses Gen einfach.
>Jetzt sei nicht böse<, sagte sie mit entwaffnendem Lächeln. >Ich muss beruflich dieses Jahr viel reisen. Da möchte ich privat nicht auch noch um die halbe Welt müssen, sondern einfach nur angenehm entspannen. Denk einfach mal eine Woche drüber nach, ja?<
Das versprach ich. In Gedanken aber hatte ich bereits einen teuflischen Plan entworfen, um der Ostsee zu entkommen.

>Dann fahren wir eben an die Ostsee<, sagte ich eine Woche später. Mein Plan, mich innerhalb einer Woche in den Fitnessgott zu verwandeln, der ich auch in der Vergangenheit immer sein wollte, war leider schon daran gescheitert, dass ich es in einer Woche nicht geschafft hatte, mir neue Laufschuhe zu kaufen. Meine miserablen Gene hatten mir wieder einmal ein Bein gestellt. Ich gab also nach. Warum auch nicht? Ein bisschen Wellness, frische Luft, Sonne und Meer hörten sich auch so schlecht nicht an. Meine Freundin schlang begeistert die Arme um mich.
>Danke<, rief sie. >Und weißt du, was das Beste ist?<
>Nein<, sagte ich, zu enttäuscht von mir, um die Alarmsirenen in meinem Inneren zu hören.
>Ute und Frank kommen auch mit<, sagte sie freudestrahlend. Oh, nein, nicht Frank. Ich war in die Falle gegangen und konnte nicht heraus. Nicht ohne zuzugeben, dass ich Frank hasste. Und wenn ich das tat, würde meine Freundin wissen wollen warum. Er war einfach auf widerwärtige Weise zu perfekt. Durchtrainiert, charmant, erfolgreicher Manager. Er hatte den Liebling der Schwiegermütter auf eine neue evolutionäre Ebene gehievt und ließ uns Normalsterbliche einfach schlecht aussehen. Außerdem hielt ich ihn für arrogant, auch wenn ich keine konkreten Beweise gegen ihn hatte. Aber hin und wieder sagte er Sachen wie: „Manchmal wäre ich auch gerne nur Lehrer wie du. Der ganze Stress und die Verantwortung sind das ganze Geld eigentlich nicht wert.“ Das konnte ich meiner Freundin wohl kaum erzählen. Es roch so nach Eifersucht und Missgunst. Also würden wir auf einen Pärchenurlaub gehen. Meine Nerven würden schon halten.

>Nein<, sagte ich entnervt. Das letzte halbe Jahr war wie im Fluge vergangen. Es war der erste Tag unseres Urlaubs, der erste Tag nach unser abendlichen Ankunft in dem wunderschönen, gemütlichen Wellnesshotel an der Ostsee. Wir saßen gemeinsam beim Frühstück und berieten, was wir mit dem Tag anfangen sollten. Draußen herrschten für einen Sommer erstaunlich geringe Temperaturen und ein ewiger Landregen, der nur hier und da von einigen heftigen Böen aufgeheitert wurde. Frank hatte vorgeschlagen einen Wellnesstag einzulegen, beginnend mit dem großen Whirlpool.
>Das Wetter ist ja scheußlich<, meinte er. >Das Joggen heute morgen hat wirklich keinen Spaß gemacht.< Ich sah missmutig zur Uhr in unserem gemütlichen Frühstückssaal. Es war halb neun und ich war immer noch hundemüde. Wie konnte man um diese Uhrzeit schon joggen gewesen sein? Immerhin war Urlaub.
Ute und meine Freundin waren begeistert. Aber nach der gestrigen langen Anreise und dem gemeinschaftlichen Abendessen hatte ich bereits eine Überdosis von Franks Charme und Witz intus. Da musste ich mich nicht noch in Badehose zum Vergleich neben seinen Astralkörper stellen.
>Nein<, sagte ich entschieden. >Ich mache heute einen Strandtag.<

>Du bist echt störrisch<, sagte meine Freundin, als wir wieder auf unserem Zimmer waren. >Willst du nicht doch mitkommen? Eine heiße Sauna ist doch genau das richtige bei diesem Schmuddelwetter.< Sie zog sich gerade vor mir ihren Badeanzug an. Oh, wie ich ihre sanften Linien liebte. Aber sie hatte gut reden. Wenn man schön war wie eine Göttin, musste man sich auch nicht schämen, neben einem Adonis wie Frank nackig auf einer Bank zu schwitzen.
Ich war nicht übermäßig verklemmt und hatte auch überhaupt kein Problem damit, Ute nackt zu sehen. Aber anders herum? Ute war auch eine regelmäßige Fitnesscenterbesucherin. Sie betrieb exzessiv etwas, das sich Pump nannte. Es hatte, glaube ich, etwas mit der äußerst erschöpfenden Kunst zu tun Gewichte zu stemmen, ohne Arme wie Arnold zu entwickeln. Vor ihr wollte ich mich nicht gerade nackig zeigen. Und schon gar nicht vor Frank. Oh, Gott. Wenn er mich sah, würde er vermutlich etwas völlig demütigend sagen wie: Eigentlich ist dieser ganz Sport doch Wahnsinn. Da läuft man täglich zwanzig Kilometer und mit fünfzig sind die Knie kaputt.
Dann schob sich ein entsetzliches Bild vor meine Augen. Es bestätigte mich in meinem Starsinn. Ich würde Franks Schwanz zu sehen bekommen. Götter, vermutlich war er monströs.
>Ich gehe an den Strand<, sagte ich rasch. >Ich muss eh noch Sachen für die Schule in Ruhe durchgehen.< Das war gelogen. Ich musste nie Sachen für die Schule in meiner Freizeit durchgehen. >Und außerdem<, sagte ich und zeigte aus dem Fenster. >So schlecht ist das Wetter doch gar nicht.< Ich zuckte verwundert mit den Brauen, kniff die Augen zusammen, setzte zur Sicherheit die Brille auf und sah durchs Fenster. War das Schneeregen?

Der Wind peitschte mir Sand ins Gesicht wie ein Sandstrahler. Glücklicherweise war es nicht viel Sand, weil er schwer war und vollgesogen vom unablässigen Regen wie Watt an meinen Füßen sog. Ich stemmte mich gegen den Wind. Regen prasselte mir ins Gesicht. Der Regenschirm war längst hin. Zehn Schritte aus dem Hotel hatte er geschafft. Dann hatte ihn eine Böe umgebogen. Der Wind pfiff, die See brodelte. Der graue Himmel verwehrte jede Zeitbestimmung. Vermutlich war es viertel vor Weltuntergang. Nur eines war sicher: es war keinen Joggingwetter für vernünftige Menschen.
Ich sah unseren Strandkorb. Was hatte ich mir nur gedacht? Es war schrecklich hier. Die Sauna schien nun ungleich verführerischer. Meine Fantasie hätte bestimmt ausgereicht, einen schwarzen und vermutlich enormen Balken vor Franks Gemächt zu projizieren.
Aber es gab keinen Weg zurück. Das ließ mein Stolz nicht zu. In Gedanken ging ich durch, wie lange ich wohl ausharren musste, bis ich meinem Stolz genüge geleistet hätte. Eine Stunde? Zwei? Bis zum Mittag? Zum ABENDESSEN?!?
>Scheiß eigene Ansprüche<, murmelte ich verdrossen und stapfte weiter voran. Dann war ich am Ziel. Mein Exodus war vorüber. Da war er, unser spießiger Strandkorb. Ich sah zurück zu unserem Wetnesshotel, zurück auf meinen langen Marsch: >Das waren die längsten zweihundert Meter meines Leben<, seufzte ich stolz. Ich schloss den Strandkorb auf. Und als ich mich hineinsetzte, da geschah etwas Wundervolles. Mit seinem starken Rücken brach der Standkorb den Wind, hielt den Regen fern und spendete augenblicklich ein Gefühl von Geborgenheit und Gemütlichkeit. Ich atmete tief durch. Und zum ersten Mal nahm ich genüsslich die Seeluft wahr, lauschte dem Tosen der See, sah die Gischt, die über den Strand leckte, und bewunderte tollkühne Möwen, die wie betrunken im Wind tanzten. Lange sah ich einfach nur auf die Ostsee hinaus. Dann schüttelte ich mich vor Kälte. Ich nahm meinen Rucksack und packte aus. Ganz oben lag ein Apfel. Den hatte meine Freundin vom Frühstücksbuffet gemopst. Sie war immer liebevoll um meine Ernährung besorgt. Ich legte den Apfel, die drei Snickers und die Keksen neben mich und wickelte mich in die beiden Decken ein, die mir das Hotelpersonal so freundlich mit auf den Weg gegeben hatte. Ich setzte meine Pudelmütze auf, über die meine Freundin milde gespottete hatte, als ich sie einpackte. Immerhin war es ein Sommerurlaub.
Der Strand war verwaist. Ab und an sah ich Wanderer in der Ferne, die dem Wetter trotzten. Viele waren es nicht.
Ich zog ein nagelneues Schreibheft aus dem Rucksack und griff den Kugelschreiber. Ich hatte mir fest vorgenommen mal wieder etwas zu schreiben. Bisweilen küsste mich die Muse und ich versuchte mich als Schreiberling. Meine Freundin mochte meine Geschichten und meinte, ich hätte Talent. Aber gerade solche Aussagen von geliebten Menschen trieben bedauernswerte Jugendliche mit dünnen Stimmchen und wenig Charisma in obskure Castingshows. Schreiben war für mich ein Hobby, dem ich allzu selten frönte.
Ich schrieb nie mit Stift und Papier, allein schon aus dem Grunde, weil ich vermutlich Schwierigkeiten hätte, meine eigene Krakelschrift zu entziffern. Heute aber wollte ich es versuchen. Sand, Regen, Gischt vertrugen sich schlecht mit einem Notebook. Ich schrieb an einem Krimi, in dem der Held, ein athletischer jugendlicher Lateinlehrer, einer schrecklichen Verschwörung im Kultusministerium auf die Spur ging. Der Arbeitstitel war „Die Pisa Verschwörung.“ Der Strand schien der perfekte Ort zum Schreiben zu sein. Weltweit wurden so viele Krimis und Thriller an Stränden gelesen. Vielleicht speicherte sich die mörderische Kreativität im Sand und färbte auf mich ab.
Ich setzte den Stift auf und schrieb. Eine urwüchsige Kraft floss durch den Stift aufs Papier, ungefiltert von elektronischen Hilfsmitteln. Ich schrieb mit Inbrunst, schrieb bis meine eiskalte Hand schmerzte. Ich setzte ab, sah auf mein Werk und meine Uhr.
>Nicht schlecht<, lobte ich. >Eine halbe Seite in einer Viertelstunde.< Ich gönnte mir eine kurze Pause und ein Snickers, sah den Möwen zu. Ich dehnte die Pause aus, legte schließlich das Heft beiseite und zog stattdessen ein Buch hervor. Kreativität konnte man schließlich nicht erzwingen. Ich kuschelte mich in meine Decken und grinste. Mein Strandkorb. Er war nicht länger spießig, sondern mein Refugium vor Frank, meine Oase der Ruhe, in der ich mich in Decken einhüllte, Kaffee aus der Thermoskanne trank, Kekse futterte und den neuen Krimi meiner Lieblingsautorin Gyde Hansen las. Wenn ich ab und an von den fesselnden Seiten hinaus aufs diesige, graue Meer sah, dachte ich schlicht, Urlaub ist schön.
Hauptkommissarin Hilde Meisner traf gerade am Tatort eines weiteren perfiden Mordes ein, als mich ein Geräusch aufschrecken ließ. Am Strandkorb neben mir machte sich jemand zu schaffen. Eine Frau im fortgeschrittenen Alter sperrte den Strandkorb auf. Sie trug wetterfeste Kleidung und ein fesches Tuch, um die Haare zu schützen. Attraktiv war sie. Vielleicht Anfang sechzig. Sie lächelte mir zu, als ich zu ihr herübersah. Ich verspürte einen kurzen Stich der Empörung darüber, dass es jemand wagte in meine kreative Oase der Einsamkeit einzudringen. Dann lächelte ich freundlich zurück. Auf angenehme Weise fühlte ich mich nun weniger einsam.
Ich las weiter. Es war bereits der sechste Fall von Hauptkommissarin Meisner. Die Polizeibeamtin war eine lebensfrohe Witwe und Mutter von zwei erwachsenen Kindern, die alleine mit ihrem Schäferhund Rudolf, einem aus skurrilen Gründen aus dem aktiven Dienst ausgeschiedenen Drogenhund, in einem Vorort von Hamburg lebte und in der Hansestadt in der Mordkommission arbeitete. In jedem Teil jagte Frau Meisner nicht nur Mördern hinterher sondern auch der Hoffnung, dass man mit Ende fünfzig noch ein zweites Mal die Liebe finden konnte.
>Ist das ihr neuer Roman<, riss mich eine Stimme mitten aus der schaurig schönen Beschreibung des Tatortes heraus. Erschrocken sah ich auf. Es war die Dame im Nachbarkorb. Sie sprach mit einem hanseatischen Akzent und lächelte mir zu.
>Ja<, antwortete ich und schrie fast dabei, denn der Wind riss die Worte fort >Mögen sie Gyde Hansen?< Sie zuckte mit den Schultern.
>Mein Mann liebt sie<, erwiderte sie und begann Sachen aus ihrer Tragetasche auszupacken. Ich widmete mich wieder dem Krimi. Es vergingen zwei Augenblicke. Ich hielt inne. Ich sah verwundert auf die Innenseite des Buchumschlages.
Ich stand auf und ging schüchtern zu meiner Nachbarin.
>Entschuldigen Sie bitte<, sagte ich. Die Frau sah mich mit einem mädchenhaften Grinsen an.
>Sind Sie Gyde Hansen, die berühmte Schriftstellerin?<
Frau Hansen lachte los und wurde rot.
>Berühmt bin ich gottlob nicht, mein Herr<, sagte sie. >Vielleicht sollte ich mehr Vampire und zaubernde Teenager in meine Krimis einbauen.<
Ich dachte einen Moment darüber nach. Warum nicht? Dafür gab es bestimmt einen Markt. Anders als für meine Geschichte über einen jungend Mann, der in der Tristesse der Großstadt einer dunklen Obsession nachging, die ihm längst nicht mehr Lust sondern Last war, bis er eine Tages völlig unerwartete die Frau seiner Träume traf. Ich hatte die Geschichte „Kannibale und Liebe“ genannte. Die Kritiken waren verhalten. Selbst die von meiner treuesten Leserin.
Ich kam zurück aus dem Reich der Fantasie, in der Vampirkommissare in Trenchcoats und mit dicken Sonnenbrillen Spuren sicherten und eine sexy Gerichtsmedizinerin namens Vampirella im Anblick eines völlig zerfetzten Leichnams Sachen sagte wie: Ich tippe auf einen Werwolf. Aber genaueres kann ich erst nach einer DNS-Analyse sagen.
>Vielleicht auch lieber nicht<, meinte ich schließlich. >Ich fand Vampire irgendwie immer suspekt. Wenn andere Leute unerlaubt gewaltsam in die Körper von jungen Frauen eindringen, nennt man sie Vergewaltiger. Und die bekommen selten Bestsellerromanreihen.<
Ich hielt ihr das Buch hin und raffte an Charme zusammen, was ich hatte.
>Ich möchte Sie nur ungern belästigen, Frau Hansen. Aber ich würde mir nie verzeihen, wenn ich Sie nicht bitten würde ihr Buch zu signieren.
>Aber gerne.< Sie lächelte und sah über den menschenleeren Strand. >Außerdem ist die Schlange heute überschaubar. Möchten sie sich setzen?<
>Ich will wirklich nicht aufdringlich sein, Frau Hansen.<
>Papperlapapp<, sagte sie. >Wenn ich Leute als aufdringlich empfinde, sage ich denen das schon.< Sie tippte auf den Platz neben ihr.
>Ja, aber...<, stammelte ich. Der Strandkorb sah ziemlich eng aus. Wie nahe wollte man seinen Idolen eigentlich wirklich kommen?
>Ich habe Kuchen<, sagte sie.
>Okay.< Ich setzte mich neben sie.
Was nun kam, war eines der angenehmsten Gespräche, die ich je geführt habe.
>Ich unterhalte mich gerne mit Menschen<, meinte Frau Hansen an einem Punkt des Gespräches. >Das macht mir nicht nur Freunde. Es ist auch eine Grundvoraussetzung für meinen Beruf. Ich kann mir nun wirklich nicht alles selbst ausdenken. Und manchmal schnappe ich in Unterhaltungen die eine oder andere Idee auf. Meine beste Freundin meinte einmal, sie traue sich kaum noch mit mir zu reden, weil sie fürchtet, dass alles, was sie sagt, in einem Roman gegen sie verwendet werden könnte.<
>Meine Güte<, meinte ich. >Hat sie das im Spaß gesagt?<
>Natürlich. Zumindest zu neunzig Prozent. Ich habe ihr meinen dritten Meisner Krimi gewidmet. Das hat ihr doch etwas geschmeichelt. Seitdem quatschen wir noch mehr als früher.<
Weil die Gelegenheit so günstig war, fragte ich sie nach ein paar Tipps.
>Disziplin<, sagte sie sehr zu meiner Ernüchterung. >Disziplin ist alles. Es hilft mir wenig, wenn ich die tollsten Ideen habe, aber nicht die Disziplin mich mehrere Stunden täglich hinzusetzen und sie auf Papier zu bringen. Wenn ich an einer Stelle nicht weiter komme, breche ich nicht gleich ab, sondern schreibe einfach weiter, auch wenn es nicht gut ist. Das kann ich später noch verbessern. Beim Schreiben selbst kommen mir so viele neue Ideen. Mehr als wenn ich mir an einer Stelle den Kopf einrenne. Lieber einen Umweg als einen Stau. Also, viel Disziplin ist mein Geheimnis. Aber ich schreibe ja auch nur Krimis und keine Weltliteratur. Ich freue mich, wenn Menschen meine Bücher gerne lesen und sich gut dabei unterhalten, wenn sie z.B. im Urlaub am Strand liegen und schmökern.<
>Da bin ich wohl Ihr Zielpublikum<, meinte ich. >Am Strand blättere ich auch lieber in Büchern, die irgendwie wie „Das Omega Projekt“ klingen, anstatt „Faust“ oder „Beim Häuten der Zwiebel“.<
Vor meinem inneren Auge lag ich am Strand in der Dom Rep. Meine sonnengebräunte Freundin stieg aus dem Wasser, eine schaumgeborenen Aphrodite, eine herrliche Ursula Andrews. Sie legt sich neben mich, öffnet die Schließen ihres Bikinis und sag: Cremest du mich ein? Dem leistet man natürlich gerne folge und legt sein „Projekt Omega“ beiseite und sagt nicht Sachen wie: Ach, Schatz, muss das sein? Melville erklärt mir gerade, was ein Oktavwal ist.
>Und letztlich ist ein Roman auch nur eine aufgeblasene Kurzgeschichte<, sagte Frau Hansen, als ich gerade aus der Dom Rep in die Wirklichkeit der Ostsee zurückkehrte.
>Sie fügen einfach noch jede Menge Details ein, die für die Handlung zwar unwichtig sind, dem Leser aber eine dichtere Atmosphäre schaffen. In einem Roman kann man Dialoge ungeheuer in die Breite treten, während man in einer Kurzgeschichte vielleicht nur einen kurzen Einblick in das Gespräch gibt, es mit einer abschließenden Äußerung zusammenfasst, um schließlich auf den relevanten Punkt zu kommen.<
Und so redeten wir über dies und das. Und schließlich landeten wir bei meiner Freundin und Frank. Als ich Frau Hansen erzählte, wie lange meine Freundin und ich schon zusammen waren, stellte sie die Frage, die alle stellten, bis sie die Hoffnung schließlich aufgaben:
>Warum haben sie ihr denn noch keinen Antrag gemacht?< Viele Leute vermuteten wahrscheinlich, dies habe etwas mit tiefverborgenen Bindungsängsten zu tun. Oder sie verdächtigten mich, dass ich mir in Wirklichkeit nur die Zeit vertrieb, bis ich eine bessere Partnerin fand. Oder sie meinten, es müsse ein Minderwertigkeitskomplex sein. Als wenn es so unwahrscheinlich wäre, dass sich eine erfolgreiche und unglaublich attraktive Frau in einen einfachen Lehrer auf dem Zenit seiner nicht existenten Karriere verlieben könnte, der sich ernsthafte Gedanken darüber machte, wie er im kommenden Schuljahr seine Stundenzahl noch weiter nach unten drücken konnte. Völlig haltlose Spekulationen. Die Wahrheit war noch viel entsetzlicher. Und wegen der zauberhaften Stimmung in unserem Strandkorb und der Tatsache, dass man Fremden bisweilen sein Herz ausschüttete, weil man sie hoffentlich nie wieder sah, verriet ich Frau Hansen, was ich bisher niemanden verraten hatte.
>Aber wer sagt ihnen denn, dass ich es nie versucht hätte?<

Es lag bereits drei Jahre zurück. Es war Sommer. Wir hatten uns zu einer Alpentour in den Sommerferien entschlossen. Meine Freundin erklomm die Gipfel und Hänge mit der Geschmeidigkeit einer jungen Gämse. Ich folgte weniger ästhetisch im Schlepptau. Meine Knie schmerzten wie verrückt und meine Knöchel waren vor Anstrengung geschwollen. Aber ich hielt durch. Denn ich wusste eines: am Ende eines jeden Wandertages warteten deftiges Essen und Weißbiere in den Alpenhütten auf mich. Ich konnte schlemmen wie ich wollte und verlor dennoch in den Bergen an Gewicht. Ach, und außerdem hatte ich vor meiner Freundin einen Antrag zu machen. Ich hatte alles geplant. Ich hatte einen Verlobungsring erworben. Das hatte sich bereits als schwer überwindbares Hindernis erwiesen.
Ich hatte an etwas Schlichtes aus Silber gedacht, konservativ und elegant. Wenn erst der Ehering da war, trug man den eh nicht mehr. Ich ging also zu einem Goldschmied und sagte der freundlichen Dame, was ich suchte. Und sie fragte:
>Welche Ringgröße hat ihre Freundin denn?< Nach einem recht beschämendem längeren Schweigen, empfahl mir die Dame, mit einem Ring meiner Holden wiederzukommen. Gesagt, getan. Ich lieh mir heimlich den Lieblingsring meiner Freundin aus, zeigte ihn der Goldschmiedin und erwarb endlich einen Verlobungsring entsprechender Größe.
Als ich abends nach Hause kam, traf ich meine Liebste an, die sich gerade ausgehfertig machte, um sich mit Freundinnen in der Stadt zu treffen.
>Hast du meinen Lieblingsring gesehen, Schatz<, fragte sie. >Ich hab ihn irgendwo hingelegt und kann ihn nicht finden.< Ich tat ahnungslos.
>Soll ich dir suchen helfen?<
>Ach, lass mal. Ist nicht so schlimm, Liebling. Der findet sich schon. Vielleicht ist er mir irgendwo vom Finger gerutscht. Er ist nämlich eine halbe Nummer zu groß.<
Ich sah sie verdattert an.
>Ne halbe Nummer zu groß? Aber wie kann er dann dein Lieblingsring sein?<
>Ach, ich hab viele Lieblingsringe.<
>Aha, und wenn du mich Liebling nennst, dann-<
Sie unterbrach mich mit einem gönnerischen Kuss auf die Wange und ging mit schelmischem Grinsen zur Tür hinaus. Ich wartete fünf Minuten. Dann ging ich noch einmal in die Stadt, um den Ring umzutauschen.
>Das wird hoffentlich die beste Ehe auf der ganzen Welt<, brummte ich missmutig auf meinem Weg zum Goldschmied.
Der Ring war also erworben. Der Rest konnte ja nur noch ein Kinderspiel sein. Romantische Geste, Antrag, Hochzeit, gemeinsam alt werden und aus.
Ich hatte den perfekten Ort für meinen Antrag gefunden: die Höhe Toter Mann. So hieß der Gipfel des Berges natürlich nicht, der am Ende unser Alpentour noch einmal einen bergsteigerischen Glanzpunkt setzte. Ich hatte den Berg umgetauft, denn ich hatte ihn hassen gelernt.
Die letzten drei Tage hatte es in Strömen geregnet. Es war fünf Uhr morgens, als meine Freundin mich in dem Bettenlager der Hütte weckte, das wir mit zahllosen schnarchenden Mitwanderern teilten. Ich war noch reichlich benebelt von den Weißbieren des Vorabends, die ich aus therapeutischen Gründen gegen den Schmerz in meinem Körper getrunken hatte.
>Lass uns aufbrechen<, flüsterte meine Freundin. >Es regnet nicht. Vielleicht schaffen wir den Aufstieg bei trockenem Wetter. Das ist sicherer.<
Schlaftrunken rappelte ich mich auf und suchte meine Sachen im Dunklen des Bettenlagers zusammen. Sicherer? Was sollte das denn heißen? War die Sache denn gefährlich?
Zehn Minuten später hockte ich in der Wirtsstube, kaute apathisch wie ein Zombie auf einem Kanten Brot herum, wartete, dass der glühend heiße Kaffee auf eine trinkbare Temperatur abfiel, während meine Freundin von den schwierigen Stellen unser heutigen Tour erzählte. Ich hörte kaum hin. Ich ließ das blanke Entsetzen lieber auf mich zu kommen. Außer uns hockte nur noch ein junges italienisches und durchtrainiertes Pärchen in der Stube. Der Rest schnarchte noch.
Der Aufstieg. Ein sich endlos ziehender Weg, der zu einem steilen Schneefeld führte. Am Ende des Schneefeldes ein noch steilerer Felshang, der das letzte mir noch verbleibende Adrenalin in panischen Schüben aus mir herausquetschte. Ich zitterte, griff mit Todesverachtung stählerne Halteseite, sah nicht hinab, nur hinauf. Ich sah meine Freundin, die Gämse, die behände die Felsen erklomm und dabei das gleiche Gepäck geschultert hatte wie ich. Also hielt ich durch. Denn am Ende des Felshanges lag die Bergscharte. Und von da nur noch ein kurzer Todesmarsch bis zur Höhe Toter Mann. Dort, im Angesicht des schönsten Panoramas unserer Alpenwanderung, würde ich meiner Liebsten einen Antrag machen und vermutlich glücklich sterben. Und das beste: wir waren ungestört. Das italienische Power-Pärchen hatte uns längst abgehängt und die alpinen Massentouristen lagen noch eine Stunde hinter uns.
Der Hang war zu Ende. Ich erreichte die Scharte. Meine Freundin stand über mir, reichte mir ihre Hand, half mir hoch. Ich atmete tief durch. Dann verschwand alles im Nebel. Blitzschnell. Ich war völlig erschöpft und fassungslos. Man sah die Hand vor Augen nicht. Also kein wunderschönes Alpenpanorama. Kein romantischer Antrag. Vermutlich hätte ich den Gipfel ohnehin nicht erreicht, obwohl er von hier kaum eine Viertelstunde entfernt sein konnte. Ich war völlig fertig.
Meine Freundin sah mich besorgt an und meinte, wir sollten den Gipfel auslassen und uns sogleich an den Abstieg machen. Ich versuchte sie zu beruhigen:
>Mir geht es gut. Geh du auf den Gipfel. Ich warte hier. Dauert ja nicht lange.<
Ich schaffte es, sie zu überzeugen. Ich wusste, dass sie unbedingt auf diesen Gipfel wollte. Warum war mir schleierhaft. Man sah rein gar nichts. Ohne Sicht sah jeder Ort gleich aus.
Meine Freundin stiefelte los.
Sorgen machte ich mir nicht. Die Wege waren hervorragend markiert. Man konnte sie auch in der dicksten Suppe nicht verfehlen. Ich zog meine Jacke an, versuchte nicht mehr zu zittern, trank Wasser, futterte zwei Snickers und hoffte, dass die schwarzen Punkte vor meinen Augen verschwanden. Zu Hause würde ich erst mal wieder mit Sport anfangen.
Es war unheimlich einsam. Lange starrte ich in den Nebel.
>Ach, was soll´s?<, seufzte ich. >Wir ziehen die Sache jetzt durch.< Ich kramte den Ring hervor. Ich würde ihr einfach den Antrag machen. Es gab schönere Sachen als Romantik, z.B. am Leben zu sein.
Eine halbe Stunde verging. Es fühle sich an wie eine Ewigkeit. Dann hörte ich Schritte. Jemand kam den Weg vom Gipfel herunter. Ich kniete mich hin, streckte die Hand mit dem Ring aus. Ich schloss die Augen, atmete tief durch, versuchte das tosende Rauschen in meinem Kopf zu beruhigen. Mein Herz schlug schneller, als beim Aufstieg zur Scharte. Die Schritte kamen näher. Es war so weit. Ich öffnete die Augen, hielt den Ring hin:
>Geliebte, möchtest du...< Ein bärtiges Gesicht tauchte aus dem Nebel auf. Es war der Italiener. Er sah mich knien und grinste breit.
>Ciao<, sagte er freundlich, als er an mir vorbei ging.
>Ciao<, machte ich peinlich berührt. Seine Powerpartnerin erschien. Sie sah mich, lachte fröhlich.
>Ciao.<
>Ciao<, seufzte ich. Sie verschwanden taktvoll im Nebel. Meine Laune rutschte auf einen neuen Tiefpunkt ab. Ich wollte mich schon wieder erheben, bevor meine Knie ihren Geist völlig aufgaben, als ich wieder Schritte herab kommen hörte.
>Okay<, machte ich mir Mut. Ich schloss die Augen, atmete durch. >Jetzt oder nie.< Etwas klang seltsam an den Schritten. Trug meine Freundin High Heels in den Bergen?
Ich riss die Augen auf. Vor mir erschien der Kopf einer Kuh. Völlig überrascht verlor ich mich in den großen Augen des Tieres. Dann war zu spät. Eine riesige Zunge fuhr über meine Hand und der Ring war weg. Die Kuh wackelte genüsslich mit ihren Ohren und ging weiter.
>Ciao<, entfuhr es mir entsetzt, als die Kuh an mir vorbei ging. Ungläubig starrte ich auf die riesige Glocke um ihren Hals. Das Ding gab keinen Laut von sich.
Ich erhob mich. Der Ring war weg. Und da ich keine armlangen Latexhandschuhe dabei hatte, würde er auch so schnell nicht wieder ans Tageslicht kommen.
>Blöde Kuh<, sagte ich empört.
>Wie bitte<, fragte meine Freundin, die hinter mir aus dem Nebel erschien. Ich sah sie erschrocken an. Meine Hände waren so schrecklich leer.
>Ach, da war so eine Kuh<, stammelt ich. Meine Freundin strahlte. Sie hatte gerade ihren Gipfelpunkt ohne mich erreicht und wirkte entspannt und zufrieden.
>Ja, war die nicht Süß?<, meinte sie. >Ich glaube, die Glocke von dem armen Ding ist kaputt.<
>Wirklich?<, brummte ich. Ich nahm meinen Rucksack auf. Wir machten uns auf den Abstieg. Am Abend hatten wir einen schrecklichen Streit. So wie Liebende ihn manchmal haben, ohne recht sagen zu können, warum eigentlich. Nach dem Urlaub kam der Alltag. Zeit verging und der Gedanke an Heirat geriet in Vergessenheit.

>Das war eine recht, ähm, unglückliche Geschichte<, meinte Frau Hansen, als ich geendet hatte.
>Ja<, stimmte ich zu. >Die können sie übrigens gerne in einem ihrer Bücher verwenden. Macht mir nichts aus.<
>Ach, wissen sie, wenn man so etwas aufschreibt, wirkt es immer sehr gewollt vom Autoren und nicht sehr realistisch.<
Ich nickte.
>Stimmt, man muss wohl dabei gewesen sein, um es zu glauben.<
>Aber hören sie, junger Mann. Von einem bedauernswerten Missgeschick können sie sich doch nicht völlig abschrecken lassen. Warum haben sie es denn nicht noch einmal versucht?<
Ich sah Frau Hansen an, kratzte mich verlegen am Kopf.
>Ja, aber, das habe ich doch<, sagte ich schließlich.

Es war finsterste Nacht, aber ich tappte zielsicher durch die Dunkelheit. Ich trug mein Nachtsichtgerät. Eine Beigabe der Collector Edition eines dieser seelenverkrüppelnden Killerspiele, die ich mir jüngst mit diebischer Freude gegönnte hatte. Die Umgebung war verschwommen und auf einen engen, grünen Tunnel beschränkt, aber wer kannte diesen Zustand nicht aus seinen Jugendtagen? Derart gewappnet schlich ich von dem Parkplatz über die taunasse Wiese zu meinem Ziel.
Ein Jahr nach meinem gescheiterten Antrag war es wieder so weit. Ich hatte genug Mut und Geld für einen neuen Verlobungsring gesammelt. Der Kauf ging leicht von der Hand. Ich war mittlerweile ein alter Hase, wenn es Verlobungsringe anging. Nach der Vorjahresschlappe hatte ich lange gegrübelt, wie ich meiner Freundin einen Antrag machen könnte. Ich war vielleicht nicht der größte Romantiker, aber ich wusste, wie wichtig es für Paare war, schöne Erinnerung zu schaffen, an die man zurückdenken konnte. Schließlich wollte keiner daran denken, dass man einst bei der Steuererklärung beschlossen hatte: Schatz, meinst du nicht, dass wir dem Staat lange genug Geld zu Fraß vorgeworfen haben?
Irgendwann kam mir die Idee. Nichts aufregendes, aber doch eine nette Geste.
Etwas außerhalb der Stadt gab es diesen schönen Biergarten. Dort hatten meine Freundin und ich vor einer halben Ewigkeit unser erstes Date gehabt. Sie war Doktorandin und ich versuchte mich gerade mit der Vorstellung anzufreunden, dass ich erstaunlicherweise alle Scheine zusammen hatte und mich eigentlich zur ersten Staatsexamensprüfung anmelden musste. Es war ein herrlicher Sommerabend gewesen. Ich war schon seit einigen Jahren Single und meine künftige Freundin hatte sich vor kurzen von jemandem getrennt. Und dieser jemand war niemand anderes als Frank gewesen. Die Sache zwischen ihr und Frank hatte nur einige Monate gedauert. Wie viele es genau waren, darüber war ich bis heute im Unklaren. Man gab sich da vage. Jedenfalls hatten die beiden es versucht. Es hatte nicht geklappt und sie trennten sich als Freunde, die sie noch heute waren. Vermutlich ein Segen. Ihre Kinder wären wohl zu perfekt gewesen. So wie die lieben, kleinen Racker in „Das Dorf der Verdammten“. Natürlich in der Ur-Version, schließlich sprach meine Freundin durch diverse Auslandsaufenthalte ein wunderschönes Oxford English.
Es war lange her und ohne große Bedeutung. Interessant war allenfalls, wie selbstverständlich meine Freundin verlangte, dass ihr Übermensch-Ex nicht nur Teil ihres sondern auch meines Lebens war. Als wir uns vor Jahren mit meiner ehemaligen Freundin noch von Schulzeiten her trafen, wachte meine Freundin mit Argusaugen über uns. Später, als wir allein waren, ließ sie kein gutes Haar an meiner Ex. Besonders anstößig empfang sie wohl ihr Dekolletee und ein, zwei andere Dinge, die einem förmlich in Gesicht zu springen drohten. Es blieb bei diesem einen Treffen.
Auf der Wiese neben dem Biergarten stand eine alte Kastanie. Dort befand sich auf Kopfhöhe ein Loch im Stamm. Dort wollte ich den Ring verstecken, mit meiner Freundin am nächsten Abend zum Essen in den Biergarten fahren und sie schließlich aus sehr abstrusen Gründen dazu bewegen, ins Astloch zu greifen. Also schlich ich des Nachts in tiefster Dunkelheit und mit Nachtsichtbrille von erbärmlicher Qualität zu der Kastanie. Bei Tage wollte ich es nicht machen. Vielleicht sah mich jemand und stahl den Ring.
Die Aushöhlung im Stamm roch modrig, war aber leer. Kein empörtes Eichhörnchen sprang mich an. Ich ließ den Ring in seiner kleinen Box und fuhr zurück. Meine Freundin war noch auf Geschäftsreise und kehrte morgen Abend zurück. Ich wollte sie vom Flughafen direkt in den Biergarten entführen.
Am nächsten Tage holte ich sie vom Flughafen ab. Ihr Meeting war enttäuschend und der Flug entnervend gewesen. Außerdem hatte sie ihre Tage. Also fuhren wir nicht in den Biergarten. >Vielleicht morgen, ja?<, sagte sie. >Ich will nur noch ins Bett.<
Sie schlummerte tief und fest. Ich lag wach. Panik beschlich mich bei dem Gedanken, was die Eichhörnchen mit meinem Ring anstellen könnten.
Am nächsten Tag ging die Welt unter. Es stürmte und regnete ohne Unterlass. Kein rechtes Biergartenwetter. Vermutlich ertrank der Ring mittlerweile. Am Wochenende klarte der Himmel auf. Wir fuhren nachmittags in den Biergarten. Als wir aus dem Wagen stiegen, starrte ich ungläubig auf die Wiese. Der Baum war fort. Nur noch Späne und Häcksel lagen herum.
>Der Wind hat ihn umgeworfen<, sagte die Bedienung, als sie am Tisch unsere Bestellung aufnahm. >Der Baum war schon ziemlich morsch. Der Baumdienst hat die Reste entsorgt. Die hatten einen riesigen Häcksler.< Bei dem Gedanken an den Ring, der durch den Häcksler jagte, kamen mir die Tränen. Meine Freundin nahm meine Hand und sah mich mitleidig an:
>Du Ärmster. Ich wusste ja gar nicht, wie sehr du diesen Baum mochtest.<
>Du hast ja keine Ahnung<, schniefte ich.
Über die nächsten Monate war meine Freundin beruflich sehr angespannt. Und ich war mehr als frustriert. Und so ging das kleine Boot Verlobung wieder einmal im Alltag unter, anstatt in den Hafen der Ehe einzulaufen.

>Glauben sie an Karma<, fragte mich Frau Hansen, nachdem ich ihr von dem zweiten Fiasko erzählt hatte.
>Ich gebe zu, der Gedanke an eine ordnende Gerechtigkeit im Universum ist irgendwie tröstlich<, erwiderte ich.
>Vielleicht gibt es ja etwas in ihrem Leben, das sie noch unbewusst von der Ehe abschreckt<, sagte Frau Hansen.
>Nun ja<, sagte ich. >Meine Freundin ist schön, intelligent und erfolgreich. Vielleicht bin ich ihrer einfach nicht wert.<
>Ach was<, sagte Frau Hansen mit einer wegwischenden Handbewegung. >Das seid ihr Männer doch nie. Aber wir Frauen haben gelernt Kompromisse zu schließen. Gibt es noch etwas anderes?<
Ich dachte darüber nach. Gab es etwas, das eine glückliche Ehe mit meiner Freundin verhinderte? Außer natürlich der tiefen Weisheit: Never change a running system?
>Nein<, sagte ich schließlich. >Da gibt es nichts mehr.< Frau Hansen sah mich skeptisch an.
>Jedenfalls nicht mehr seit dem letzten Weihnachtsfest.<

Weihnachten. Weihnachten verbrachten wir traditionsgemäß bei den Eltern meiner Freundin. Und mit Tradition meinte ich natürlich Zwang. Als wir einmal Weihnachten bei meinen Eltern feierten, musste man eigens für mich weitere nach unten führende Sprossen auf der Beliebtheitsskala ihres Vaters anbringen, dich hinabrutschen konnte. Ihr Vater hielt mich für einen nichtsnutzigen Dieb, der ihm die Tochter stahl. Ihr Vater war der Suppenkönig, ein Selfmademan, der es vom einfachen Koch zum Besitzer eines international renommierten Unternehmens gebracht hatte, das feinste Gourmetsuppen in Konserven in aller Herren Länder lieferte. Frau Suppenkönig war eine angenehme Person, die ihren Mann vergötterte. Mit ihr verstand ich mich sehr gut. Herr Suppenkönig aber verabscheute mich. Und die Abscheu beruhte auf Gegenseitigkeit.
Das Verhältnis von meiner Freundin zu ihrem Vater war seit ihrer Jugend ein explosives Gemisch von Kampf um Anerkennung, Enttäuschung und Rebellion gewesen. Und die Tatsache, dass meine Freundin nur einmal im Jahr zum Suppenlöffel griff, sprach Bände.
Wie jeder große König bangte auch der Suppenkönig um sein Imperium. Wer sollte es übernehmen, wenn er dereinst den Suppenlöffel abgab? Es gab noch eine jüngere Tochter, das Nesthäkchen. Sie war Grundschullehrerin und genauso ehrgeizig wie ich. Auch hatte sie noch nie einen Freund, einen potentiellen Reichsverweser für die Enkel des Suppenkönigs mit nach Hause gebracht. Ich mochte das Nesthäkchen sehr. Und wenn es Karma gegeben hätte, so wären der Lateinlehrer und die Grundschullehrerin vermutlich eine bessere Kombination als die hochkarätige Geschäftfrau und der Tochtertagedieb. Aber so war es nicht. Und außerdem schwärmte das Nesthäkchen mit der gleichen verdächtigen Inbrunst von Selma Hayeks Hintern wie ich.
Es blieb also meine Freundin als Nachfolgerin. Aber die zeigte keine Ambitionen, ihren derzeitigen Job zu verlassen. Eine Frau konnte wohl nur so viele Suppen in ihrer Jugend essen, bis etwas in ihr zerbrach. Aus irgendeinem Grund gab der Suppenkönig mir für alles die Schuld. Ich war nicht gut genug für seine Tochter. Ich hielt sie zurück, korrigierte Lateintests, während er auf internationalem Parkett mit Millionen Konserven jonglierte.
Einige Wochen vor Weihnachten machte er seiner Tochter einen perfiden Vorschlag. Sie sollte endlich in die Firma einsteigen. Und für mich sollte dort auch eine Stellung gefunden werden. Und zwar, auf Nachfrage, in leitender Funktion und nicht als Konservenpacker.
Wir diskutieren das mehrere Wochen untereinander. Der Gedanke, unverschämt viel Geld für einen Job einzustreichen, für den ich völlig unqualifiziert war, schreckte mich grundsätzlich nicht. Schließlich war ich Lehrer. Aber der Gedanke daran, meinen Caesar an den Nagel zu hängen und fortan täglich ihren Vater zu sehen war mir zuwider. Meine Freundin war erleichtert, dass ich mich so vehement dagegen aussprach. So konnte sie mir einen guten Teil der Schuld in die Schuhe schieben, wenn sie ihren Vater enttäuschen musste. Und das fiel ihr noch immer ausgesprochen schwer.
Vielleicht war das der Grund, warum meine Freundin mich liebte. Ich war das Äquivalent zu dem verlotterten, gepiercten und heutzutage vermutlich über und über tätowierten Typen, den sechszehnjährige Mädchen zu Hause anschleppten, um ihre Eltern auf zu Palme zu bringen. Wie es sich zeigte, hatte man mich zwar für diese Rolle besetzt, aber ich hatte sie noch nicht zu Ende gespielt.
Ihr Vater nahm es wie zu erwarten schlecht auf. Am Abend vor Weihnachten hatten wir uns in der makellosen Trutzburg des Suppenkönigs versammelt.
Meine Freundin erteilte dem Herrn Papa eine Absage. Es lief katastrophal. Es kam zu einem Streit. Man schrie von undankbaren Töchtern und abwesenden Vätern. Und schließlich kam man auf die zweifelhafte Partnerwahl meiner Freundin zu sprechen.
>Weiß Gott, was du an ihm findest<, brüllte sich der Suppenkönig in Rage. Und wenn Könige so brüllten, rollten Köpfe und Männer zogen in den Krieg. Und Krieg sollte es geben. >Ich finde, Frank hatte viel besser zu dir gepasst.< Die Worte hatten kaum seinen Mund verlassen, als betroffenes Schweigen eintrat. Die Frau sah ihren Mann erschrocken an. Das Nesthäkchen war schockiert und verschob ihre Coming-Out-Pläne wohl auf den Sankt Nimmerleinstag. Meiner Freundin hatte es die Sprache verschlagen. Und in den Augen des Suppenkönigs sah ich Entsetzten, Entsetzten, dass sich eine tief verborgene Wahrheit losgerissen hatte, dass er den Rubikon überschritten hatte und es kein Zurück mehr gab.
Und ich? Ich war getroffen. Zutiefst. Ausgerechnet Frank. Der Suppenkönig hatte ihn in grauer Vorzeit nur einmal getroffen. Und doch war er der Würdigere? Meine Züge erstarrten. Die Blicke wandten sich mir zu. Was sollte ich sagen? Eigentlich gab es nur eines:
>Entschuldigt mich bitte<, sagte ich. >Es war ein langer Tag und ich bin ziemlich erschöpft. Ich gehe auf mein Zimmer.< Zum Staunen aller verließ ich einfach den Raum.
Deprimiert kam ich in unser luxuriöses Gästezimmer. Ich war wütend über den Suppenkönig. Aber noch mehr ärgerte ich mich über mich selbst. Jetzt fielen mir all die bissigen Kommentare ein, die ich hätte von mir geben sollen. Aber nun war es zu spät. Ich hatte feige den Schwanz eingekniffen, um nur nicht mehr Porzellan zu zerbrechen. Wozu überhaupt? Die Treffen mit dem Suppenkönig waren auch so schon anstrengend. Von nun an würden sie unerträglich sein. Von unten drang das Donnerwetter zwischen meiner Freundin und ihrem Vater herauf. Alte Vorwürfe und Enttäuschungen entluden sich tosend. Vielleicht war der Mann ein diabolisches Genie. Er würde geduldig den Zorn seiner Tochter abwettern, bis sich ihr Zorn in Enttäuschung darüber verwandelte, dass ich so ein Schwächling war. Wir würden auseinander driften. Und binnen eines Jahres konnte sie schon durch eine Reihe seltsamer Wendung mit Frank zusammen das Suppenimperium leiten. Dieser Arsch. Wenn ich es dem Suppenkönig doch nur heimzahlen könnte.
Hilflos griff ich die Fernbedienung und zappte durch die Kanäle. Die flimmernden Bilder beruhigten mich langsam. Ich zappte und blieb schließlich bei der x-ten Wiederholung von „Der Zorn des Khan“ hängen.
>Ach Kirk, mein alter Freund<, sagte Ricardo Montalban gerade. >Kennst du das klingonische Sprichwort, das sagt: Die Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird?<
Da zog sich ein teuflisches Grinsen über mein Gesicht und ein schäbiges Lachen entrang sich meiner Kehle:
>Oder heiß, Ricardo, oder heiß! Muhahahahaha!<

Es herrschten frostige Temperaturen, draußen wie drinnen, als ich mich am nächsten Morgen an den Frühstücktisch setzte. Meine Freundin kochte noch immer, leise, aber kurz vor dem Ausbruch. Ich hatte mich schlafend gestellte, als sie gestern Nacht ins Bett gekommen war. Ich wollte noch nicht darüber reden. Heute hatten wir nur wenige Worte gewechselt. Der Suppenkönig tat so, als sei nichts geschehen. Aber er wich meinen Blicken aus. Die Mutter und das Nesthäkchen aßen schweigend, blickten mich ab und an verstohlen an.
Ich gab mich gut gelaunt und war es auch. Wer sein Herz der Rache öffnete, der hatte keinen Platz für Scham.
>Ich mache einen kleinen Spaziergang<, verkündigte ich nach dem Frühstück. >Keine Sorge, ich bin bis zum Mittagessen wieder da.< Ich küsste meine sprachlose Freundin und ging von dannen.

Das Mittagessen vor Heiligabend war eine Tradition des Suppenkönigs, auf die er mächtig stolz war. Die Kantine der Suppenfabrik wurde festlich herausgeputzt. Zusätzliches Personal wurde eingestellt, damit auch die Damen und Herren aus der Kantine an der Feier teilnehmen konnten. Jeder, vom einfachen Packer bis zum Top Suppenmanager (ja, die gab es wirklich) war herzlich eingeladen zu dieser geselligen Selbstbeweihräucherung. Kurz: Der Suppenkönig hielt Hof.
In diesem Jahr gab es eine besondere Attraktion. Die Weltpremiere der neuesten Gourmetsuppe aus dem Asia-Sortiment sollte feierlich als Vorspeise ausgeschenkt werden. Die Geschäftsriege glühte vor Stolz und klopfte sich eifrig selbst auf die Schultern. Man versprach sich viel von der Suppe. Vielleicht würden diese Asiaten ja eines Tages ihre eigenen Suppen aus deutschen Konserven essen.
Die Tische füllten sich lautstark. Ich saß nicht weit vom Suppenkönig entfernt. Immerhin war ich der ungeliebte Liebhaber seiner Tochter. Den Platz an ihrer Seite konnte man mir schlecht verwehren. Meine Freundin hielt meine Hand unter dem Tisch. Das gab mir Kraft für das Ungeheuerliche, das ich zu tun gedachte.
Alle hatten sich versammelt. Der Suppenkönig hielt eine Rede, machte ein paar Scherze, die vermutlich lustig waren, wenn man sein Lohnempfänger war.
>Langer Rede kurz Sinn<, sagte er schließlich. >Frohe Weihnachten. Lasst uns essen.<
Man applaudierte. Dann schoben zahllose eifrige Helfer und Helferinnen Wägelchen mit Suppenterrinen herein. Suppe wurde ausgeschenkt. Alle sahen gebannt auf den Suppenkönig. Er tauchte seinen Löffel in die Suppe, führte ihn an die Lippen und schlang das Asiazeug mit verzücktem Genuss hinunter. Das war das Zeichen für das gemeine Volk mit der Speisung zu beginnen. Und es war mein Zeichen, meiner Rache ihren Lauf zu lassen.
Ich drückte die Hand meiner Freundin fester. Das gab mir Mut. Ich probierte von der Suppe und machte ein gelangweiltes Gesicht.
Ich wartete, bis die eifrige Helferin auch ja weit genug von mit entfernt war, damit sie mich nur bei entsprechender Lautstärke hören konnte.
>Entschuldigen Sie bitte<, rief ich quer durch den Saal. Augen sahen von den Suppentellern auf zu mir. >Könnte ich bitte etwas Maggi haben.< Es wurde schlagartig still im Saal. Nur hier und da machte sich ein entsetztes Aufstöhnen laut. Die unschuldige eifrige Helferin nickte mir freundlich zu und verschwand in der Küche. Der Suppenkönig warf mir bohrende Blicke zu. Alles sah mich erschrocken an.
>Bist du wahnsinnig?<, raunte mir meine Freundin ins Ohr. Sie hatte ihre Suppe noch nicht probiert. Sie hasste Suppe.
Langsam setzte Getuschelt ein. >Wer war dieser Typ<, tuschelte man. >Ein entlaufender Irrer?<
Das Getuschel erstarb abrupt, als die eifrige Helferin mit einer übergroßen Maggiflasche erschien. Unter den starrenden Blicken des Saales reichte sie mir das Maggi.
>Vielen Dank<, sagte ich freundlich.
Eine kraftvolle Bewegung aus dem Handgelenk und der erste Spritzer Maggi schoss in den Suppenteller, breitete sich aus wie ein Ölfilm über einem Korallenriff.
Ein zweiter Spritzer, ein dritter. Alles starrte gebannte. Der Suppenkönig schäumte. Meine Freundin entsetzt. Ich nahm den Löffel, probierte, kaute versonnen vor mich hin und schüttelte schließlich den Kopf. Ich legte den Löffel ab und griff erneut die Maggiflasche.
>Oh, mein Gott<, fuhr jemand erschrocken auf, als ein vierter Spritzer in die Suppe flog. Es folgten weitere und ich machte das Dutzend voll und hörte nur auf, weil ich fürchtete der Suppenkönig könne einen Schlaganfall erleiden. Ich nahm den Löffel und aß. Sie war scharf, unerträglich bitter und köstlich. Sie schmeckte nach-, ja wonach schmeckte sie? Sie schmeckte nach Sieg.
Nachdem reichlich Glühwein und andere Spirituosen das verunglückte Festessen aus einem gewissen Stimmungstief gerissen hatten, ging man mit den besten Weihnachtswünschen auseinander. In der Familie des Suppenkönigs herrschte eisiges Schweigen. Es wurde vereinbart, das die verbleibenden Nachmittagsstunden vor der Bescherung zu freien Verfügung stünden. Kaum waren wir auf unserem Zimmer, als mich meine Freundin aufs Bett warf und über mich her fiel. Wir hatten den Sex unseres Lebens.
Meine Rache- und anderen Gelüste derart befriedigt, erschienen meine Freundin und ich händchenhaltend und ausgelassen zur Bescherung. Küsschen wurden ausgetauscht, Hände gedrückt.
Der Suppenkönig zeigte Haltung. Vermutlich hatte ihn seine Frau ordentlich zu recht gebogen. Er gab mir die Hand und sagte anerkennend: >Das habe ich wohl verdient.< Seit diesem Tage hatte ich nie wieder Probleme mit ihm. Er hatte seine Lektion gelernt. Leg dich nie mit einem Lateiner an.

>Das freut mich für sie<, sagte Frau Hansen. >Widerspenstige Schwiegereltern sind das schlimmste.< Sie schien ihre eigenen leidvollen Erfahrungen zu haben.
>Ja, zwischen mir und dem Herrn Schwiegervater steht alles zum Besten<, erwiderte ich. Zu gut sogar. An den Feiertagen nahm mich der Suppenkönig väterlich zur Seite und fragte, wann er mit einem Enkel rechnen dürfe. Ich gab mich vage, schwor mir aber eines: wenn der Suppenkönig unbedingt einen Enkel wollte, ich würde ihn Kaspar nennen.
>Wenn sie nun also den Respekt ihres Schwiegervaters gewonnen haben<, sagte Frau Hansen. >Und sie ihre Freundin aufrichtig lieben und keine tieferen Gründe haben, die gegen eine Hochzeit sprechen, warum heiraten sie sie dann nicht endlich.<
Ich dachte darüber nach. Und zu meiner Beschämung traf ich auch zwei recht triviale Gründe.
>Ich glaube, ich mag Hochzeiten nicht besonders<, seufzte ich. >Dieses ganze Drumherum. Und ich steh auch nicht gerne im Mittelpunkt. Am liebsten würde ich die Hochzeit überspringen und wäre gerne schon seit Jahren verheiratet.<
>Ach was<, sagte Frau Hansen. >Das ist doch nur ein Tag. Mein Sohn hatte eine große Hochzeit und meine Tochter ein ganz kleine. Sie und ihre Freundin werden sich schon auf was einigen. Und der zweite Grund?<
>Mir sind schlicht die Einfälle für einen Antrag ausgegangen.<
>Nun stressen sie sich nur nicht so<, meinte Frau Hansen. >Eine kleine romantische Geste die von Herzen kommt ist sicherlich wunderschön, aber es sollte kein gekünstelter Aufstand sein. Machen sie etwas, das ihrem Wesen entspricht. Ihre Freundin scheint doch eine handfeste Person zu sein. Es ist offensichtlich, dass sie sie liebt.<
>Ach ja<, fragte ich. >Woran sehen sie das?<
>Aus ihrer Erzählung<, sagte Frau Hansen und fügte mit einem Grinsen hinzu: >Und in ihren Augen.<
Frau Hansen deutete auf den Strand. Meine Freundin hatte sich bereits bis auf zehn Meter durch das unwirtliche Wetter an uns herangekämpft. Mit einer Hand hielt sie ihr Kopftuch fest, das sie sich umgeschlungen hatte. Ich vermutete, sie hätte nun auch gerne eine Pudelmütze gehabt. In der anderen Hand hielt sie eine Thermoskanne. Frau Hansen hatte recht. Nur Narren gingen bei diesem Wetter hinaus. Und jeder Liebende war ein Narr.
Ich stellte meine Freundin vor. Wir plauderten eine Weile und verabredeten uns alle zusammen nebst Herrn Hansen, Frank und Ute zum Abendessen.
Am Ende eines schönen Abends drückte Frau Hansen meine Hand.
>Ihre Freundin ist wundervoll<, flüsterte sie und lachte. >Und sie haben recht. Frank ist wirklich ein schrecklich perfekter Schwiegersohntyp.<
Wir sahen die Hansens noch ein paar Mal. Dann war unser Urlaub in Timmendorf auch schon vorüber. Wir hatten sogar noch zwei regenfreie Tage gehabt.

Zuhause traf uns der Alltag wieder mit voller Wucht. Meine Freundin versank in Arbeit und reiste fiel. Der Spätsommer kam. Meine Freundin leitete für zwei Wochen irgendeinen Workshop in Singapur, während ich die verregneten Reste des Sommers genoss. Nicht gerade das Wetter, das zur Wiederaufnahme von sportlicher Aktivität einlud. Ich vermisste meine Freundin. Mir ging das Gespräch mit Frau Hansen nicht aus dem Geist. Und da fiel es mir ein. Etwas, das meinem Wesen entsprach, hatte Frau Hansen gesagt. Das war es. Ich schrieb gerne. Warum meiner Freundin also nicht einen wundervollen Antrag schreiben? Also schrieb ich, von Liebe, alt werden, Freude und Leid teilen und Tränen, die mir absonderlicher Weise in die Augen traten, wenn ich einen Zombiefilm sah und mir vorstellte, meine Freundin würde gebissen werden. Meine Welt würde enden. Warum sich noch der Zombiehorden erwehren?
Als ich fertig war, hatte ich einen zwanzig Seiten starken Liebesbrief, in dem es von Pathos und Rechtschreibfehlern nur so wimmelte. Es war grauenvoll und unleserlich. Ich verschob ihn in den Papierkorb und dachte weiter nach. Als meine Freundin endlich zurückkehrte und sie schlafend in meinen Armen lag, ich die Augen schloss und in den Schlaf glitt, hatte ich den genialen Gedanken: ich würde einfach den echten Heiratsantrag in eine fiktive Geschichte einbauen. Brillant, bahnbrechend und vermutlich hatte diese Idee noch nie jemand zuvor gehabt. Am nächsten Morgen würde ich anfangen.
Der Sommer verging und die Schule fing wieder an. Ich hatte mit der Geschichte immer noch nicht angefangen, aber ich hatte eine tolle Idee. In den Herbstferien schrieb ich los. Die Geschichte wuchs von Tag zu Tag:
Seite 51: Major Olga Kurilenkowa drang weiter in die Tiefen der Bohrinsel vor. Trotz ihrer beinharten Speznas-Ausbildung hämmerte ihr Puls panisch. Die untreue Taschenlampe flackerte ein letztes Mal auf und war endgültig tot. Nur raus hier, dachte Olga. Aber in den verwirrend engen Gängen hatte sie längt die Orientierung verloren. Nun stand sie im Dunkeln.
Ein Quietschen. Wie von einer Tür. Sie riss ihre Kalaschnikow in Anschlag.
>Emil, bist du´s?<, flüsterte sie mit brüchiger Stimme. Ein Stöhnen antwortete ihr. Olga drückte ab. Im stakkatoartigen Aufbellen des Mündungsfeuers sah sie die mordgierigen Fratzen auf sie zustürmen, sah sie in roten Nebel zerbersten-
Ich brach ab. Irgendwie schien ich das eigentliche Ziel meiner Geschichte aus den Augen verloren zu haben. Und wenn man ganz ehrlich war: so richtig romantisch waren diese Zombiegeschichten auch nicht.
Der November kam und ging. Dann hatte ich den zündenden Einfall. Wenn ich auf die Tube drückte, dann könnten wir noch in diesem Jahr heiraten. Steuerrückzahlung, ick hör dir trapsen!
Ende Januar war ich fertig. Es war eine kleine, nette Geschichte über einen etwas trotteligen aber liebenswürdigen nicht mehr ganz so jungen Mann, der seiner großen Liebe endlich einen Heiratsantrag zu machen versucht. Das war thematisch zumindest auf einer Linie. Am Ende der Geschichte versteckt der junge Mann seine Liebeserklärung, eine Flasche Champagner und ein Dutzend roter Rosen unter dem Bett. Die Freundin des jungen Mannes hatte nämlich die gleiche Angewohnheit wie meine Freundin: Am Ende des Winters verstaute sie sorgfältig ihre aufhebenswerte Winterkleidung in Kartons unter dem Bett und holte ihre Sommerkleidung hervor. Stauraum in diesen Stadtwohnungen war nun einmal begrenzt. Ich korrigierte und feilte an der Geschichte. Ich schickte sie an Frau Hansen, nur für den Fall, dass ich mich völlig lächerlich gemacht haben sollte. Frau Hansen gefiel sie und sie gab mir grünes Licht.
Die Zeit des rituellen Kleidungswechsels rückte näher. Ich kaufte Champagner, Rosen und eine Karte, auf die ich kurz und einfach schrieb: Willst du mich heiraten? Ich verstaute alles unter dem Bett und schickte meiner Freundin die Geschichte per email mit Bitte um baldige Korrektur meiner erbärmlichen Rechtschreibung. Sie würde sie lesen, sich und mich erkennen, zum Bett eilen und den Antrag finden. Man hörte schon die Hochzeitsglocken.
Leider hatte ich nicht mit ihrem Job gerechtet. Sie war wieder eine Stufe auf der Karriereleiter hinaufgestolpert und erhielt noch mehr Geld, für das sie nun noch weniger Freizeit zum Ausgeben hatte.
Zwei Tage nachdem ich ihr die Geschichte geschickt hatte, kam sie erst spät in der Nacht zu mir ins Bett gekrochen. Ich dämmerte bereits vor mich hin. Sie kuschelte sich an mich, schnupperte und fragte:
>Neues Aftershave? Riecht gut. Irgendwie nach Rosen.<
Ich seufzte und schlief ein.
Nach zwei Wochen die gleiche Szene nur fragte sie mich:
>Irgendwie riecht hier etwas faulig. Kommt das von draußen?<
Am nächsten Tag warf ich die modrigen Rosen fort und ersetzte sie durch neue. Als auch diese um waren, kaufte ich eine einzelne Rose und herbarisierte sie vorsorglicher Weise. Anscheinend zog sich Sache in die Länge.
Man nächsten Tag horchte ich vorsichtig nach:
>Räumst du deine Wintersachen dieses Jahr nicht weg, Schatz?<
>Keine Zeit<, war die kurze Antwort.
>Und die Geschichte, die ich dir geschickt habe?<
>Für dem Kram hab ich jetzt grad überhaupt keine Zeit<, blaffte sie mich an. >Es gibt Leute, die leben in der richtigen Welt!<
Dabei beließen wir es. Mein kreativer Genius war gekränkt und sehnte sich zur Zeit gar wenig nach Heirat.
Das Frühjahr verging, der Sommer kam. Die Lage entspannte sich. Meine Freundin hatte endlich einen kompetenten Assistenten erhalten, der ihr einiges an lästigen Aufgaben abnahm, ehe sie völlig ausbrannte.
Die Sommerferien waren da. Zwei Wochen Timmendorf auf die ich mich freute, weil das Wetter dieses Mal mitspielte und wir die Hansens dort treffen würden.
Unser erster Tag am Strand. Die Sonne schien. Ich legte mich auf eine Liege. Meine Freundin setzte sich in den Strandkorb und zog ein paar Papiere hervor.
>Arbeit<, fragte ich.
>Deine Geschichte, Schatz<, antwortete sie und begann zu lesen. Ich hätte aufgeregt sein sollen. Es war immer ein komisches Gefühl für mich, wenn jemand in meinem Beisein etwas von mir las, selbst wenn es kein Heiratsantrag war. Andererseits hatte ich mich beim Mittagsessen überfuttert. Also entschlummerte ich rasch. Wellen rauschten. Möwen kreischten, Kinder lachten. Ich glitt in den Schlaf und dachte noch: vielleicht hätte ich es doch bei der Zombiegeschichte belassen sollen.

Ich erwachte. Meine Freundin legte ein Handtuch über mich.
>Du holst dir sonst noch einen Sonnenbrand<, sagte sie liebevoll. >Ich hole mir ein Eis. Willst du auch eines?<
Ich nickte eifrig. Sie beugte sich hinab und küsste mich.
>Ich kann es kaum erwarten zuhause meine Wintersachen wegzuräumen<, flüsterte sie zart und eilte davon ihrem Liebsten ein Eis zu holen.
Ich strahlte und grinste vermutlich wie ein Idiot. Ein perfekter Tag. Es fehlte nur noch das Tüpfelchen auf dem i. Ich griff in meine Strandtasche und holte das Buch hervor, ein Vorabexemplar vom Hilde Meisners neuestem Fall. Frau Hansen hatte es mir mit Widmung geschickt, zwei Wochen vor Erscheinungstermin. Ich hatte es mir aufgespart, um es am Strand lesen zu dürfen. Es hieß: „Der Tote am Strand.“
Ich las den ersten Satz und lachte:
>Die See spie Frank Schön aus wie einen alten Kaugummi, der an Geschmack verloren hatte.<

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