Draußen ist drinnen und die Zeit steht still
von Sabine Herzke (melody)

 

Drinnen ist draußen und die Zeit steht still

Du erwachst am Tag aus dem Schlaf
Und stehst vor einer Wand
Du fragst dich, wo du bist
Du fragst dich, was das hier ist
Eine Wand aus Glas?
Am Boden Gras?

Eine Tür, durch die du zugleich
Herein und hinaus gehst,
Ein Baum, der zugleich neben der Tür und dahinter steht?
Du willst hinein
Aus dem Garten in das Haus
Bist du drinnen, willst du raus!
Doch die Neugier siegt

Du betrittst den Raum, indem du
Von draußen hinausgehst und
Von innen hereinkommst
Dadurch
Hebst du Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft auf
Du dachtest
Du öffnest die Tür und betrittst einen Raum, doch
Du stehst auf der Schwelle der Zeit
Und dort ist für den Moment alles
Eins
Und steht der Wind still,
steht die Zeit still

Du öffnest die Tür und
Vor dir ein Teppich aus Gras und
Bäume und
Die Tür zugleich
Ein Uhrzeiger geht
Tick tack tick tack you’re late!

Doch wie kannst du zu spat sein,
Wenn sich kein Windhauch regt
Wenn
Die Zeit aufgehoben ist
Bist du wirklich gemeint?

Du kannst nicht sicher sein!
Hinter dir lachen Drachen
Vor dir schweben Elfen
Eine Hand zupft an deiner Jacke
Aber als du dich umdrehst, ist da niemand

Für den Moment
Erlebst du den Ort, wie er ist, wenn die Menschen fort sind
Wenn die Baumgeister hervorkommen
Und die Kobolde tanzen
Und die Blumen wachsen und das Gras über die Sträucher lästert
Und die Bäume das von oben belächeln
Und die Tore verschlossen sind bis zum nächsten Tag
Wenn die Menschen zurückkehren und denken
Sie sehen nur Bäume und Blumen und Wasser und Gras

Doch Du bist verloren im Blick auf Tür
Und Raum und Baum , stehst
Im Innern des Außen
Und

Auf den zweiten Blick

Ist die Tür der Ausgang zum Garten
Ist die Wand
Und der Boden nicht aus Glas oder Gras

Die Zeit läuft weiter,
Du trittst zurück und erkennst
Dass die Tür nicht hinein- sondern herausführt
Dass du noch immer

Gegenüber stehst und durch das Glas in den leeren Raum schaust
Dass die Bäume nicht gleichzeitig mit der Tür vor dir stehen
Sondern in deinem Rücken
Dass nicht die Welt stillsteht
Und ihre Zeit nicht durchscheinend wurde
Sondern

Du im Schlossgarten stehst
Vor dir der Pavillon
Die Tür verschlossen
Kein Drache, kein Kobold, keine Elfe tanzt vor dir
Dein Blick geht durch den Raum
zur anderen Tür wieder hinaus
Und als du dich umdrehst
Stehst du den hohen Bäumen gegenüber
Die schweigend über Glas und Gras und Blumen wachen
Und weißt, es war ein Tagtraum.

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