Augenblicklich
von Martin Janusch

 



Hier solls um die Zeit-Verfänglichkeit des Augenblicks gehen. Nicht der Blick mit den Augen ist damit gemeint, sondern jener Augenblick, der als geringster Teil des Zeitenlaufs zu verstehen ist, dessen hier sehr vereinfacht dargelegte, an ihn gehängte Philosophie.

Jeder Augenblick ist eine Art von eigenem Zeit-Präzedenzfall, jeder Augenblick sein eigener Stillstandspunkt, jeder Augenblick hat sein eigenes Drehmoment, jeder Augenblick ist zuordenbar, abgrenzbar, unwiederholbar, uneinholbar, soll heißen: unwiederbringlich. Jeder Augenblick zeitigt seine ihm – wenn man so schreiben mag – metasphärisch gegebene Einmaligkeit. Da die Zeit in Scheinbarkeit genau das ist, was wir daraus machen, jedenfalls ein im Hintergrund immer mitlaufender Gradmesser allen Geschehens, das die Zeit befüllt, ist auch jeder Augenblick davon in Abhängigkeit zu setzen, was und in ihm, somit mit ihm passiert.

Die Zuordenbarkeit, genauso wie die Abgrenzbarkeit des Augenblicks ist auf mehreren, zu einander parallel laufenden Ebenen messbar. Die Zuordenbarkeit, sie wird in Folge mit der Abgrenzbarkeit des Augenblicks gleichgestellt. Die örtlich lokalisierbare Abgrenzbarkeit des Augenblicks, mit ihm der Augenblicklichkeit, richtet sich danach, wo sich der Empfänger, der jeweilige Augenblicksrezipient, des Augenblicks im Augenblick befindet.

Seine sinnesmodale Abgrenzung bedeutet sein zum Empfang bereit gestelltes Empfinden, seine kognitive Abgrenzung wiederum könnte gleichgestellt werden mit dem ihm, und also dem Augenblick, punktuell eingeräumten Denkgehalt. Seine rein physische, körperlich-kausale Abgrenzung wird gleichgestellt mit einer Art von – stets systemisch durchwirkter [keine Ausnahme zu obigen Ebenen] – Eigendefinition am rein körperlichen Daseinszustand des Augenblicksträgers, des diesfalls somatisch Empfindenden.

Der Augenblick grenzt sich von seinem jeweiligen Vorgängeraugenblick wie von seinem jeweiligen Nachfolgeraugenblick durch die ihm gegebene Befüllung an örtlichem, sinnlich-emotionalem, geistigem und biologischen Gehalt, deren empfindsamen Zuordenbarkeiten, also ab. Nicht bloß darin. Aber auch – und vor allem, wie gemeint wird, primär. Und stets aus der Perspektive des Augenblickserlebnisträgers. Die Deutlichkeit der Abgrenzung mag zwar evident erscheinen, bleibt jedoch meist unerkannt, das oftmals, von demjenigen, der den Augenblick so bewusst wie möglich überhaupt erleben kann. Die Augenblicklichkeit bildet den basalen Baustein der Ewigkeit. Ewigkeit hat keinen übergestellten Gradbezifferer. Das Menschenleben, das aus Augenblicken gebildete, bemisst sich an der Ewigkeit, ist dieser untergeordnet, wie das Weltlich-Irdische dem Kosmischen, also dem Überweltlichen.

Alles hat, so darf man getrost meinen, dem überirdischen Zeit-Raum-Kausalitäts-Kontinuum, in ihm der transportierten Energie, deren allfälliger Information, zu unterliegen. Das Bestehen auf einer Weise urzeitlicher Grundfindung für alles an Weiterem, erfährt seine Berechtigung an dieser Relativierung, die keine Form sowohl jedweder Quantifizierung noch Qualifizierung darstellt, darstellen kann, da auch hier Bezug und Abbildung zu höher anzusetzender Norm fehlen muss – begibt man sich in die beliebig tiefendichte Unendlichkeit. Die Normierung des Augenblicks besteht daher – man könnte das glauben – einzig an seiner eigenen Vergänglichkeit. Die Vergänglichkeit bleibt das stärkste gegenwirkende Prinzip des kohäsiven, definitorischen, darin wiederum verbindenden Zeitraumdenkens. Dem Augenblick ist daher unendliche Erfahrungs- und Nachvollzugstiefe gegeben, er gerät in seiner momentanen Behaftung und Beladung zu einziger Mangelhaftigkeit indizieller Begründbarkeit, selbst wenn [weiter oben stehend] Abgrenzungen ausgemacht werden können.

Der Augenblick ist also das kleinste Moment, die schnellste Aufnahme jeder ihn betreffenden Fragestellung.

Die Ratlosigkeit könnte durchaus als ein augenblickliches Sinnbild empfunden werden.

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