india_2
von riemsche

 

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Im Sitaram-Basar finde ich Moraji, einen von 2000 Badern, die in irgendeiner Nische, am nächsten Häusereck, zwischen zwei geparkten Autos, einen Stuhl aufstellen und zu arbeiten beginnen. Gegenüber Morajis Standplatz hat das Indian Coffeehouse geöffnet: ein Wandschrank mit ein paar Tassen im Regal und einer verbeulten Espressomaschine auf dem Trottoir. Der Kaffee schmeckt. Während wir austrinken, bleibt eine Kuh stehen, wirft mir einen flüchtigen Blick zu, uriniert, sieht mich wieder an, fladet. Ein Frau im Sari muss blitzschnell ausweichen, ein Kind will meine Schuhe putzen, eine Ziege nimmt ein Sonnenbad, über Lautsprecher warnt die Polizei vor Taschendieben, die Straße ist hoffnungslos verstopft, die Rasur kann beginnen.

Hinterher ist Moraji böse. Weil ich keinen Haarschnitt brauche. Wenigstens Öl, meint er. Sein Lächeln hätte mich warnen sollen. Der Mann ist Kopfjäger, ein Catcher, ein Dominator. Schmiert mir braunen Talg auf die Schädeldecke, nimmt alle seine zehn glitschigen Finger, um mich einzufetten, mangelt die Schläfen, presst die Stirn, fegt die Nasenlöcher, zupft die Lider, biegt die Ohren, reinigt die Muschel, holt das Schmalz, packt blitzschnell mit beiden Händen den Kiefer und reißt Mensch und Kopf nach rechts aus dem Stuhl - synchron mein Aufschrei und ein Knacken -, wiederholt den Ruck nach links, wieder mein Angstgurgeln und das Geräusch ausrastender Wirbel und Knochen, jetzt lande ich im Schwitzkasten, mein Rücken biegt sich nach vorn, Moraji platziert einen Genickschlag, die Rosskur ist beendet.
Etwas Eigenartiges passiert: Sofort und völlig unbewusst greife ich nach meinem Kopf. Er ist noch da, fühlt sich so leicht an, so schwerelos. Moraji strahlt, ich leuchte.

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