Der Untergang der Wrath
von Carsten Maday

 

oder Was John Carpenter nicht wusste

Summerton an der britischen Küste, 31.10.2004

Dieser Moment gefiel Mrs. Jones am besten. Wenn der Anblick der Klippen, die tosende See und der mühsame Aufstieg auf den alten Leuchtturm den Touristen den Atem verschlagen hatte, dann war Mrs. Jones Augenblick gekommen.
>Am 31. Oktober 1884 zerschellte in einem fürchterlichen Sturm der Dreimaster Wrath an den Klippen dort draußen<, sagte Mrs. Jones mit fester lauter Stimme gegen das Pfeifen des Windes und zeigte auf die See. Die Touristen lauschten gespannt. Sie wussten natürlich, worum es ging, aber sie wollten es aus dem Mund einer Einheimischen hören. Sie wollten wissen, wie der Fluch entstanden war.
Und Mrs. Jones erzählte. Erzählte von der bitteren Not der Armut, in der die Bewohner des kleinen Fischereistädtchen Summerton lebten. Von Stürmen, die Fischerboote erschmetterten, von Fischen, die ausblieben, und Aufträgen, die an Werften in anderen Städten gingen. Und endlich von der Nacht, als einige Bewohner Summertons in ihrer Verzweiflung und Gier nach Beute in den Leuchtturm eindrangen, den Wärter niederschlugen, das Signallicht löschten und ein falsches Leuchtfeuer entzündeten.
>Dort drüben, bei den Klippen<, sagte Mrs. Jones mit anklagender Stimme.
In dieser stürmischen Nacht tauchte die Wrath auf. Ladung und Ziel unbekannt. Die Besatzung sah in der tosenden Finsternis das Leuchtfeuer, hell einladend und falsch. Der Kapitän folgte dem Leuchtfeuer und die Wrath lief auf Grund. Die donnernde See rollte über das aufgeschlitzte Schiff. Männer sprangen verzweifelt ins Wasser. Einige schafften es glücklich an den Strand. Dort warteten die Leute von Summerton auf sie und erschlugen jeden, der ihr gottloses Werke hätte bezeugen können. Auf dem Deck des berstenden Schiffes aber stand unerschrocken der Kapitän und verfluchte die Bewohner Summertons, ehe die Wellen ihn verschlangen.
>Ich verfluche euch, Leute von Summerton<, rief Mrs. Jones theatralisch und sah mit Befriedigung, wie einige der Touristen zusammenzuckten.
>Ich verfluche euch<, fuhr Mrs. Jones fort. >Jedes dreißigste Jahr werde ich aus dem Tode zurückkehren und euch heimsuchen, bis wir gerächt sind oder Summerton untergegangen ist.<
Die letzten Worte hallten noch ein Weilchen in den Köpfen der Touristen nach. Dann kam kleiner Applaus auf. Mrs. Jones lächelte zufrieden. Sie war nicht umsonst Vorsitzende des örtlichen Laienschauspielhauses. Mit leiserer, unheimlicher Stimme fuhr Mrs. Jones fort:
>Seit jenem schrecklichen Verbrechen, das auf den Tag vor 120 Jahren stattfand, geht die Legende, dass die Männer der Wrath alle dreißig Jahre aus ihrem Grab in der See zurückkehren und schreckliche Rache an den Bewohnern Summertons nehmen werden. Am 31sten Oktober, in der Halloween Nacht.<
Die Leute dankten Mrs. Jones für die Führung und einer fragte, wie es denn komme, dass in den vergangenen Jahren die Wrath noch nicht aufgetaucht war und Verderben nach Summerton gebracht hatte.
>Nun<, sagte Mrs. Jones gönnerisch. >Es gibt Augenzeugen, die wollen vor neunzig Jahren ein altes Segelschiff auf dem Meer gesehen haben, das aus dem Nichts erschien und in einem grellen Blitz wie von Geisterhand wieder verschwand. Aber, es ist wahr. Bislang kam es zu keinen Todesfällen in Summerton. Niemand weiß, was die Besatzung der Wrath bislang von ihrer Rache abgehalten hat. Aber vielleicht<, sagte Mrs. Jones mit einem verschwörerischen Lachen, >vielleicht kommen sie ja heute Nacht.<



31.10.1914, vor der britischen Küste. 12 Uhr Nachts, Geisterstunde

Wie aus dem nichts entstand in dem fahlen Mondlicht auf der schwarzen See die Wrath. Die Planken und Segel glänzten modrig, waren mit Muscheln und Tang bedeckt. Die Wrath war zurückgekehrt aus ihrem finsterem Grab und trug an Bord ihre Besatzung von Toten, die nach Rache an den Lebenden dürsteten. Zerlumpt und verwest stand die Besatzung still an Deck, vor sich den Kapitän, der, die fauligen Arme hinterem Rücken verschränkt, langsam auf und abschlurfte. Sein verrottetes Gesicht verbarg sich unter eine Kapuze. Man hörte keine Stimme, nur ein eisiges Wispern, dass Unheil versprach, als der Kapitän zu seinen Männer sprach:
>Männer, die Zeit ist da, Rache zu nehmen an den Menschen Summertons!<
>Hurra<, wisperten die Männer.
>Wir werden nach Summerton fahren und jedes Boot vernichten, auf das wir treffen<, fuhr der Kapitän fort. >Dann laufen wir in den Hafen ein und töten die Bewohner. Ans Werk. Wir haben nur diese eine Geisterstunde.<
Da meldete sich der Bootsmann.
>Herr, Kapitän?<
>Ja, Bootsmann.<
>Ich spüre etwas im Wasser, das sich auf uns zu bewegt.<
>Ah, das müssen diese neuen Geistersinne sein, von denen sie mir in der Hölle berichtet haben<, sagte der Kapitän nachdenklich. >Was genau spürst du, Bootsmann? Ein Fischerboot, das wir überfallen können?<
>Es fühlt sich eher wie etwas längliches, schmales an, das wie ein riesiger, blitzschneller Aal von steuerbord dicht unter der Wasseroberfläche auf uns zukommt.<
>Ein Aal, wie?<, sagte der Kapitän und trat zur Steuerbordreling. Seine Besatzung folgte ihm.
>Jetzt fühle ich es auch<, meinte einer. >Es kommt schnell näher.<
>Da, seht mal! Dort drüben, dicht unter dem Wasser!<, rief ein anderer.
>Hm<, meinte der Kapitän, als das Objekt bis auf zehn Meter heran war. >Könnte tatsächlich eine Art riesiger Aal sein, der-<
Dann verschwand die Wrath in einem grellem Blitz.


31.10.1944, vor der britischen Küste. 12 Uhr Nachts, Geisterstunde

Wie aus dem Nichts erschien die Wrath auf den schwarzen Wogen. Mondlicht spielte unheimlich auf den modrigen Planken. Ein schreckliches Wispern drang von dem Schiff in die Nacht, als der Kapitän, wiederauferstanden von den Toten, zu seinen Männern sprach:
>Männer, wir haben die Leute von Summerton unterschätzt. Sie haben uns aufgelauert und versenkt. Ich gebe zu, es war vielleicht keine so gute Idee, jede Einzelheit des Fluches, ich meine hier insbesondere den dreißig Jahreszeitraum, lauthals herauszuposaunen. Mea culpa. Asche auf mein Haupt. Schwamm drüber. Nun sind bereits sechzig Menschenjahre vergangen und kaum einer in Summerton wird noch mit uns rechnen. Das Überraschungsmoment ist also auf unserer Seite. Wir-<
>Aal im Wasser<, schrie der Ausguck vom Topmast.
Der Kapitän ließ die modrigen Schultern sinken und seufzte.
>Ach, nicht schon wieder!<
Dann verschwand die Wrath in einem grellen Blitz.



31.10.1974, vor der britischen Küste. 12 Uhr Nachts, Geisterstunde

Wie aus dem Nichts entstand ein unheimlicher, grünlich schimmernder Nebel auf der schwarzen See. Der Nebel verbreiterte sich rasch und quoll Richtung Küste, Richtung Summerton. In seinem Zentrum sah man hier und da einen Schatten, den Schatten eines alten, modrigen Segelschiffes.
>Männer<, wisperte der Kapitän der Wrath triumphierend. >Ich habe meine höllischen Beziehungen spielen lassen und die Fähigkeit erworben, einen unheimlichen Nebel heraufbeschwören zu können, der uns vor diesem summertonschen Aal verbergen wird. Ist ja das letzte, einfach Schiffe ohne Vorwarnung zu versenken. Aber das haben sie ja schon immer, diese Leute aus Summerton. Heute also ist der da, der Tag der Rache!<
>Kapitän<, sagte der Bootsmann.
Der Kapitän seufzte.
>Was ist es Bootsmann. Ist es wieder der Aal?<
>Nein, Kapitän. Ich spüre ein Schiff, dass sich im Nebel unserer Position näher.<
>Haha<, lachte der Kapitän und zeigte eine modriges Grinsen. >Genau das richtige zum warm werden, ehe wir Sommerton ausradieren. Klar machen zum Entern!<
Die Besatzung machte sich bereit und wartete kampf- und mordlüstern an der Reling.
>Man sieht ja ´nen Scheißdreck in diesem Nebel<, sagte einer, als alles gebannt in das grünliche Wabern starrte.
>Da<, rief der Bootsman. >Ein Licht. Ziemlich hoch. Kommt rasch näher. Näher, näher. Scheiße, ist das nah!<
>Das kann doch nicht sein<, schrie der Kapitän ungläubig, als er den riesigen Schemen aus dem Nebel auftauchen sah, der unaufhaltsam auf die Wrath zu stampfte.


An Bord des Supertankers London Maru, Tragfähigkeit 478.000 Tonnen, 00.10 Uhr

Mr. Walter von der Rederei starrte in die Dunkelheit. Er war müde und stand im Pyjama auf der Brücke. Er hatte bereits geschlafen, als sich der Vorfall ereignete.
>Erzählen Sie mir noch einmal, was genau passiert ist, Kapitän<, sagte Mr. Walter.
>Nun<, sagte der Kapitän der London Maru, >Wie ich bereits erklärte, erschien wie aus dem Nichts eine dichte Nebelwand genau vor uns. Sicht gleich Null. Dann gab es ein lautes Krachen, wie wenn morsches Holz birst. Ein kleiner Ruck ging durch das Schiff und wir sahen einen grellen Blitz im Nebel.<
>Kein Radarsignal?<, fragte Mr. Walter andenklich.
>Nein. Nichts auf dem Radar. Keine Positionsmeldungen, keine Positionslichter, nichts am Funk. Überhaupt nichts.< Der Kapitän war besorgt. Zurecht, dachte Mr. Walter beklommen. Wenn man inmitten einer weltweiten Ölkrise am Ruder eines nagelneuen Supertankers stand, war der Job schon unsicher genug, ohne irgendwelche Zusammenstöße auf See.
>Es war wahrscheinlich nichts<, sagte Mr. Walter endlich. >Vielleicht nur ein verlorener Container im Wasser. Verständigen Sie sicherheitshalber die Küstenwache. Bis unser die London Maru gewendet und angehalten hat, ist es ohnehin zu spät.<
Mr. Walter starrte wieder hinaus in die Dunkelheit. Das fehlte noch, dachte er. Eine Verzögerung der Fahrt wegen ein paar verlorener Container. Mr. Walter seufzte. Wenigsten verschwand der grünliche Nebel langsam.



31.10.2004, vor der britischen Küste. 12 Uhr Nachts, Geisterstunde

Wie aus dem Nichts entstand grünlich wabernder Nebel auf der See. Ein Schatten wie von einem alten Segelschiff war hier und da darin zu sehen. Die untote Besatzung stand an Deck, vor ihr der Kapitän. Nichts war zu hören, alles schwieg und lauschte.
>Männer<, sagte der Kapitän nach einer Viertelstunde erstaunt und erleichtert, >Wir schwimmen noch immer!<
>Hurra<, rief die Mannschaft.
>Kein Aal, kein Riesenrammschiff, nichts. Männer, nach nur 120 Jahren scheinen die Leute Summerton ihre perfide Wachsamkeit verloren zu haben. Jetzt ist unsere Stunde da.<
>Werden wir nach Summerton segeln und alles vernichten?<, rief der Bootsmann freudig.
>Nun<, antwortete der Kapitän, >Ich will euch nichts vor machen, Männer. Es ist ohnehin ein recht straffer Zeitplan in nur einer Geisterstunde eine gesamte Kleinstadt auszulöschen zu wollen, auch ohne dass man eine Viertelstunde auf See vergeudet. Ich habe einen anderen Plan. Ich mache das diesmal lieber mit einem ganz kleinen Stoßtrupp.<

Wenige Augenblicke später löste sich aus der großen, grünlich glühenden Nebelbank auf See eine kleine grünlich glühende Nebelbank, als der Kapitän mit dem Bootsmann und acht Besatzungsmitgliedern im Beiboot nach Summerton ruderte.
>Wir machen es wir abgesprochen<, sagte der Kapitän, nachdem sie das Beiboot am Strand von Summerton an Land gezogen hatten.
>Zwei Mann bewachen das Beiboote, während der Rest die Stadt auskundschaftet und so viel umbringt, wie es geht. Aber vergesst nicht pünktlich um fünf vor zwölf wieder hier zu sein.<
Dann trennte man sich.
>Und wohin gehen wir<, fragte der Bootsmann seinen Kapitän.
>Wir zwei gehen zum Hügel über der Stadt. Mal sehen, ob die Bibliothek noch dort steht.<

>Ja, doch. Ich komme ja<, rief Mrs. Jones, als sie müde die Bibliothek durchquerte. Mrs. Jones war nicht nur Fremdenführerin und Vorsitzende des Laientheaters sondern auch Summertons Chef- und einzige Bibliothekarin, deren Vorrecht es war, die geräumige Dienstwohnung in dem historischen Bibliotheksgebäude zu bewohnen. Mrs. Jones hatte bereits im Bett gelegen. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Erst die Touristentour und dann drei Aufführungen von „Der Untergang der Wrath“. Sie spielte den Kapitän. Das Publikum war wie immer begeistert, aber nun war Mrs. Jones rechtschaffen müde. Ihre Augen waren bereits bei einem guten Buch zugefallen, als es an der Bibliothekstür klopfte. Es war irgendwie unheimlich das Klopfen. Eigentlich mehr ein kräftiges Schaben auf dem Holz der Tür. Drei Schläge, dann Schweigen. Dann wieder drei Schläge, weiter und immer weiter bis Mrs. Jones genug hatte, sich einen Mantel über das Nachthemd warf und hinunter in die Bibliothek ging. Wahrscheinlich nur ein paar Kinder, die einen Halloweenstreich spielen, dachte sie. In der einen Hand hielt Mrs. Jones Süßigkeiten, in der anderen ein CS-Gas Spray. Ängstlich war Mrs. Jones nicht, aber als alleinstehende Frau konnte man nicht vorsichtig genug sein. Darum hatte sie auch einen Selbstverteidigungskurs für Senioren belegt.
>Ja, doch<, sagte Mrs. Jones, als es erneut klopfte. Sie entriegelte die schwere Eingangstür und blinzelte müde den Schlaf aus den Augen. Sie merkte nicht, dass grünlicher Nebel unter der Türschwelle hereinquoll, als sie den Türgriff packte und aufmachte.
Erst schrie Mrs. Jones erschrocken auf, als sie die zwei Gestalten in der Tür sah, die glühend rote Augen hatten, die Mrs. Jones bohrend anstarrten. Dann begann ihr Gehirn den verständlichen Fehler, für einen Augenblick die akute Todesgefahr durch eine rationale Erklärung zu beseitigen.
>Nette Kostüm-<, begann Mrs. Jones. Ihr Gehirn gab auf, als der grünliche Nebel sich wie eine Sturzflut in die Bibliothek ergoss und sie völlig einschloss.
Da wusste es Mrs. Jones. Der Fluch, das Ammenmärchen. Alles war wahr. Die eine Gestalt wisperte einen Befehl.
>Töte sie, Bootsmann<, zischte der Kapitän. Der Bootsmann machte einen Schritt auf Mrs. Jones zu, hob seinen Enterhaken und brüllte auf, als Mrs. Jones ihr CS-Gas in sein Gesicht entleerte.
>Aua<, schrie der Bootsmann, ließ seinen Enterhaken fallen, rannte panisch gegen die Tür und fiel um. Mrs Jones warf dem Kapitän die Gummibärchen ins Gesicht und rannte.
>Oh, mein Gott, oh, mein Gott<, stammelte sie. Sie verlor die Orientierung. In der eigenen Bibliothek. Überall nur Nebel. Dann vor und neben ihr nur noch Bücher. Sie war in einer Sackgasse von Regalen gefangen. Wütend fiel ihr Blick auf den Platzhalter in einem der Regale. Der junge Henry Roberts hatte die Schatzinsel schon drei Wochen überzogen. Der konnte etwas erleben. Ein schabendes Geräusch ließ Mrs. Jones herumwirbeln. Der Kapitän stand hinter ihr und zog langsam sein Entermesser. Es schimmerte matt im Nebel. Die Zähne grinsten schaurig. Mit Grausen sah Mrs. Jones, dass sich Maden in dem fauligen Gesicht tummelten. Der Kapitän trat einen Schritt heran. Mrs. Jones fiel auf die Knie.
>Oh, bitte nicht<, rief sie weinend. Aber der Kapitän hatte keine Gnade in seinem Herzen.
>Ich habe doch nie etwas getan<, rief Mrs. Jones. Der Kapitän war heran und hob das Entermesser.
>Mein Ururgroßvater war doch der Leuchtturmwärter von Summerton!<
Das Entermesser sauste herab und hielt den Hauch eines Millimeters vor Mrs. Jones´ Hals inne.
>Der Leuchtturmwärter<, seufzte der Kapitän. >Wirklich?<


Unterdessen in Summerton

Die beiden Seemänner waren bereits seit so langer Zeit tot, dass sie längst ihre eigenen Namen vergessen hatten. Eingehüllt in eine Bank von grünlichem Nebel standen sie auf der Hauptstraße von Summerton und überlegten, was sie tun sollten. Es hatte zu regnen begonnen und die Nässe, der Nebel und die Urzeit hatten die meisten Halloweenfeiernden in die Häuser getrieben.
>Und nun?<, fragte der eine.
>Keine Ahnung<, sagte der andere. >Wo sind die den alle hin.<
>In die Häuser<, antwortete der eine. >Ich meine, gut, der Kapitän hatte damals nicht so richtig viel Zeit, um den Fluch sauber auszuarbeiten, aber es ist doch irgendwie hinderlich, dass man nur eine knappe Geisterstunde alle dreißig Jahre hat und als Untoter nicht in der Lage ist, einfach in Häuser einzudringen, sondern artig klopfen und warten muss, das einem einer aufsperrt. Ich meine, wer bitte schön macht denn die Tür auf, wenn es mitten in der Nacht klopft?<
>Na, ich mal nicht, so viel ist sicher<, sagte der andere. >He, sieh mal, was ist das?< Er zeigte auf zwei Lichter, die im Nebel auf der Straße auf sie zu kamen.
>Glück gehabt<, sagte der eine. >Das sieht wie eine Kutsche aus.<
>Genau<, sagte der andere und knuffte seinem Kameraden verstohlen in die Seite. >Und in Kutschen sitzen immer reiche Leute. Das geschieht denen ganz recht, wenn sie von armen Seeleuten umgebracht werden.< Der eine nickte.
>Was recht ist, ist recht. Wir halten die Kutsche an und bringen alle um.<
>Auch die Pferde?<
>Wen du magst.<
>Gut<, sagte der andere und zog grimmig sein Entermesser.
>Kommt aber ganz schön schnell näher die Kutsche<, meinte er.
>Keine Sorge<, sagte der eine. >Was soll schon passieren. Wir sind ja schon tot. Ach, du scheiße<, entfuhr es ihm noch, als der den Lkw vor sich erkannte, der aus dem Nebel schoss.

Unterdessen plante der zweite Zweimanntrupp sein weiteres Vorgehen.
>Also<, sagte der eine. >Wir gehen rüber und sobald einer die Tür öffnet, hauen wir zu. Und wenn sie am Boden liegen, stechen wir sie ab. Aber langsam, ja?<
>In Ordnung<, sagte der andere. >Aber wenn diesmal keiner aufmacht, hören wir auf, ja? Ich habe langsam keine Lust mehr. Ist jetzt schon die neunte Tür, an der wir es versuchen. Keiner macht auf. Warum muss die Geisterstunde auch mitten in der Nacht liegen?<
>Jetzt entspann dich<, sagte der eine. >Diesmal klappt es bestimmt. Da brennt doch Licht. Und man hört laute Musik und noch lauteres Grölen. Die machen bestimmt auf. Also, klopfen und zuschlagen ist die Devise.<
>Klopfen und zuschlagen<, murmelte der andere. Er schlug dreimal gegen die Tür. >Ich glaube, es kommt jemand<, sagte der eine freudig. Der andere las langsam mit seinen spärlichen Lesekenntnissen das Schild auf der Tür.
>Was wohl der Manchester United Fanclub ist<, dachte er noch. Dann öffnete sich die Tür und wuchtiger Klotz von einem Kerl erschien. Er trug ein Seemannskostüm und war geschminkt wie ein Untoter. Der andere schlug sofort zu.

Derweil traf der dritte Zweimanntrupp auf unerwartete ethische Hindernis.
>Jetzt klopf schon<, sagte der eine.
>Ja, aber ich weiß gar nicht, was ich sagen soll<, sagte der andere.
>Ähm, sagen? Ich glaube, wir müssen gar nichts sagen. Einfach nur abstechen, sobald die Tür geöffnet wird.<
>Aha, sofort drauf, wie?<
>Ja, einfach zustechen. Man könnte auch etwas sagen wie „Nimm dies, schuftiger Sommertonianer“, oder ähnliches.<
>Alles klar.< Der andere hob die Hand zum klopfen. Er zögerte einen Augenblick und wandte sich wieder zu seinem Kameraden:
>Jetzt bin ich aber doch unsicher. Wir sollen doch nur schuldige Leute aus Summerton umbringen, nicht wahr?< Der eine nickte.
>Aber was wäre nun, wenn jemand nur auf Besuch in Summerton hier ist<, gab der andere zu bedenken. >Ich meine, der macht hier Urlaub in seinem Ferienhaus und denkt sich nichts Böses und wird dann einfach in seiner Tür von zwei Seeleuten abgestochen. Ist doch tragisch so etwas.<
>Ähm, ja<, sagte der eine. >Wäre schon denkbar.<
>Genau. Und sind wir, die wir selbst Opfer eines schrecklichen Verbrechens sind, es möglichen Unschuldigen nicht schuldig, sie nicht umzubringen. Ich meine, wir wollen hier nicht von Opfern zu Tätern werden.<
>Guter Punkt<, sagte der eine. >Dann machen wir es einfach so. Wir klopfen und sondieren erst einmal die Lage. Wenn wir uns ausreichend davon überzeugt haben, dass sie Einheimische sind, können wir sie umbringen.<
>Und wenn sie zugezogen sind?<
>Hier zählt nur der feste Wohnsitz. Sonst kommen wir ja nie zu etwas.<
>Na gut<, sagte der andere und las mühsam mit dem Finger das Türschild. >Dann wollen wir mal klopfen bei dieser „Gay & Lesbian Society Summerton.“<


Unterdessen in der Bibliothek von Summerton.

>Ich verstehe nicht, warum wir die blöde Kuh nicht einfach umbringen<, jammerte der Bootsmann. >Meine Augen bringen mich noch um. Die sind bestimmt ganz gerötet.<
>Ich hab´s dir doch erklärt<, sagte der Kapitän. >Die Leute, die damals das falsche Leuchtfeuer entzündet haben, hatten zuvor den Leuchtturmwärter überfallen und niedergeschlagen. Er war also einer der wenigen Unschuldigen. Und wir können wohl kaum den Nachfahren eines Unschuldigen umbringen, oder nicht?<
>Auch nicht, wenn sie ein gemeines Biest ist?<
>Nein, auch dann nicht.<
Mrs. Jones kam wieder die Treppe herab. In den Händen trug sie mehrere Aktenordner. Eines ihrer Hobbys war die Genealogie. Dass Ahnenforschung wichtig war, wusste Mrs. Jones. Aber dass sie ihr eines Tages das Leben retten würde, hätte sie sich nie erträumt.
>Hier sind die Geburtsurkunden meines Ururgroßvaters und seiner Abkommen, einschließlich meiner<, sagte Mrs. Jones und legte dem Kapitän die Unterlagen zur Einsicht vor.
>Wussten Sie eigentlich, dass sich unsere Familie bis ins neunte Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Bis zu einem dänischen Wikinger namens Jon Jonasson, der sich im Danelag angesiedelt hat.<
>Aha<, murmelte der Kapitän. >Sehr interessant.<
>Wenn sie möchten, können sie gerne mal einen Blick hineinwerfen.< Mrs. Jones hielt ihm einen wuchtigen Aktenordner hin.
>Nein<, zischte der Kapitän wütend. Als er Mrs. Jones ärgerlichen und enttäuschten Gesichtsausdruck sah, wurde er etwas milder:
>Leider sind wir zeitlich etwas eingeschränkt, meine Dame. Nun ja, auf den ersten Blick scheinen ihre Papiere in Ordnung zu sein. Wir werden sie also nicht töten.<
Der Bootsmann knurrte enttäuscht.
>Also, was führt sie dann in die Bibliothek, meine Herren<, fragte Mrs. Jones, deren Gehirn sich vor panischen Hysterie in die Professionalität geflüchtet hatte.
>Nun, wir sind auf der Suche nach einigen Informationen<, sagte der Kapitän. Er erzählte der Bibliothekarin, wonach der suchte.
>Nun<, sagte Mrs. Jones, >da werden wir am ehesten in unser Online-Datenbank fündig.<
Sie führte die toten Seemänner zu dem Terminal und nahm Platz. Für eine Weile stöberte sie herum, bis sie das gesuchte gefunden hatte.
>Es gibt natürlich noch viel mehr auf diesem Gebiet<, sagte Mrs. Jones entschuldigend. >Aber bei der wenigen zur Verfügung stehenden Zeit nehmen wir das, was wir haben, und drucken es aus.<
>Ausdrucken<, fragte der Kapitän, der sich staunend über die Bibliothekarin gebeugt hatte.
>Ja, sehen Sie, ich ziehe die Maus hier herüber und der Cursor wandert- HmHmHm<, räusperte sich Mrs. Jones und deutete anklagend auf eine dicke Made, die aus dem Gesicht des Kapitäns neben die Maus gefallen war.
>´Tschuldigung<, sagte der Kapitän kleinlaut und steckte die Made zurück. Der Drucker startete. Er spuckte die letzte Seite aus. Mrs. Jones drückte dem Kapitän den Papierstapel in die Hand. Die beiden wandelnden Toten verabschiedeten sich dankbar von der Bibliothekarin. Als der grünliche Nebel mit den Untoten verschwand, genehmigte sich Mrs. Jones ein großes Gas Scotch und zwei Valium. Sollte die Hysterie doch bis morgen warten.
In der Nacht aber sputeten sich der Kapitän und sein Bootsmann, um rechtzeitig zurück zum Strand zu kommen.
>Was unsere Jungs wohl anstellen<, wunderte die der Bootsmann neidisch und rieb sich die brennenden Augen. Die anderen wateten wahrscheinlich schon durch Ströme von Blut und er hatte nicht einmal eine Bibliothekarin umbringen dürfen.

>Was zum Teufel geht hier vor<, brüllte der Kapitän, als er seine beiden Matrosen am Beiboot beim Strand sah. Eine kleine Traube angetrunkener Touristen stand um sie herum und schoss Fotos. Die beiden Seeleute grinsten mit ihren Entermessern zwischen den Zähnen in die Kameras. Sie hatte ihre faulenden Arme um eine ältere asiatische Frau zwischen ihren gelegt.
>Macht, dass ihr vorkommt<, brüllte der Kapitän die Touristen an, die erschrocken zurückwichen. Unter einigen Nachhutblitzlichtern verließen sie den Strand, als der Bootsmann sie mit kleinen Kieseln zu bewerfen begann.
>Es tut uns leid<, sagte der eine Matrose. >Die tauchten auf einmal hier auf und hielten uns für Mitglieder der Laienschauspielgruppe. Und umbringen konnten wir sie ja nicht. Die kamen gar nicht aus Sommerton.<
>Einige waren aus ganz exotischen Länder<, ergänzte der andere hilfreich.
>Machen wir das Boot klar und dann schwamm drüber<, sagte der Kapitän, der allmählich die Lust an dem Landausflug verlor. >Wo stecken die anderen nur.<
Nach einer Weile tauchten vier Seeleute auf. Zwei von ihnen waren übel zugerichtet und hätten mit ihren ausgeschlagen Zähnen nicht berichten können, was ihnen zugestoßen ist, selbst wenn sie es gewollt hätten. Die beiden anderen waren besser gelaunt und trugen flauschige Federboas und Partyhüte.
>Die ist ganz weich<, meinte der ein, als der Bootsmann neugierig über eine der Federboa strich.
>Und, irgendjemanden umgebracht<, fragte der Kapitän ohne große Hoffnung.
>Leider nein<, meinte der eine. >Aber unseren Horizont haben wir erweitert.<
>Wo stecken nur die anderen beiden Trottel<, sagte der Kapitän ungehalten. Sie warteten noch eine Weile, dann ruderten sie ohne die beiden anderen Seeleute zurück und verschwanden wieder auf dreißig Jahre mit der Wrath in ihrem kalten Grab.
In Summerton aber stand mitten auf der Hauptstraße ein Polizeiwagen mit Blaulicht neben einem Sattelschlepper, der eine Laterne umgefahren hatte.
>Also der muss doch besoffen sein<, meinte die Polizistin.
>Aber das Gerät zeigt keinen Alkohol an<, antwortete ihr Kollege.
>Aber das ist doch nicht möglich<, sagte sie. >Warum sollte der sonst auf einer geraden, unbefahrenen Straße gegen die Laterne fahren. Und dann diese abstruse Geschichte von zwei unheimlichen Gestalten mit rotglühenden Augen, die in einem grünen Nebel mitten auf der Straße vor seinem Kühler auftauchen. Wir haben alles abgesucht. Hier ist nichts. Keine Menschenseele.<
>Und was machen wir jetzt mit ihm<, fragte der Polizist und zeigte auf den Lkw-Fahrer, der kopfschüttelnd im Regen auf dem Bordsteig hockte.
>Wir holen sicherheitshalber die Ambulanz. Sieht nach einem Schock aus. Dann aufs Revier zur Blutabnahme. Der hat bestimmt was genommen. Und lass uns mal die Ladung kontrollieren. Irgendwas findet sich ja immer.<



31.10.2034, vor der britischen Küste. 12 Uhr Nachts, Geisterstunde

Wir aus dem Nichts erschein grünlich wabernder Nebel auf der See. Ein unheimliches Wispern drang daraus hervor, als der Kapitän sich an seine Mannschaft wandte:
>Männer, ich weiß, einige von euch werden sich vielleicht gedacht haben, dass Leben auf einem verfluchten Schiff wäre weniger, nun ja, verflucht. Gut, wir hatten eine kleine Pechsträhne. Aber diesmal ist die Stunde der Vergeltung da. Wir haben die dreißig Jahre genutzt und uns vorbereitet. Mit den Plänen, die ich von unserem letzten Landgang mitgebracht habe, konnten wir einige erfolgreiche Modifikationen an der Wrath vornehmen. Zeigen wir es den Leuten von Sommerton und schicken wir ihre Stadt zurück in die Steinzeit. Alle Maschinen volle Fahrt voraus. Waffenmannschaften auf Gefechtsstationen.<
Befriedigt fasste der Kapitän das hölzerne Steuerruder der Wrath. Es war eines der wenigen Originalteile des alten Segelschiffes. Der Rest bestand aus einem bunten Sammelsurium an Teilen, die in mühvoller Arbeit aus unzähligen Wrack am Meeresgrund geborgen, gesäubert und zusammen gesetzt worden waren. Mit dröhnenden Maschinen schob sich der schwere Kreuzer Wrath aus dem langsameren Nebel und hielt Kurs Richtung Summerton.
>Sobald wir nahe genug sind, beginnen wir mit der Beschießung der Stadt<, sagte der Kapitän zu seinem Bootsmann.
>Ja, aber was wenn wieder solche Touristen da sind? Es sind doch Unschuldige.<
>Nein, Bootsmann, keine Unschuldigen sondern bedauerliche Kolateralschäden, die einem nicht den Blick auf das große Ganze nehmen dürfen. Wenn unsere Geschütze die Stadt mit 20,3 cm Granaten belegen, stürmen unsere Marinesoldaten den Strand und morden sich durch die Stadt. Dann endlich wird unsere Rache vollendet sein.<
Die Wrath hielt Kurs. Dann stoppte sie ihre Maschinen und trieb still in der See.
>Das verstehe ich nicht<, sagte der Kapitän. >Wir sind hier an der Richtigen Position und so weit vor der Küste haben wir uns nun auch nicht befunden. Hier müsste doch Summerton sein.<
>Aber hier ist nichts, Kapitän<, sagte der Bootsmann. >Nur die dunkle See.<
Aus der Dunkelheit tauchte das Beiboot der Wrath auf.
>Vielleicht hat der Suchtrupp ja was gefunden<, sagte der Bootsmann hoffnungsvoll.
Der Anführer der Suchtrupps überreichte dem Kapitän eine kleines Bronzeschild.
>Das haben wir an einer Boje gefunden<, meinte er.
Der Kapitän kniff seine rotglühenden Augen zusammen und las:
>Hier befand sich einst die Stadt Summerton. Sie fiel der globalen Erwärmung zum Opfer.<
>Globale Erwährung<, staunte der Bootsmann verblüfft. >Wer ist das denn?<
Alle schwiegen betroffen. Dann sprach der Kapitän:
>Männer. Nun ist es so weit. Summerton ist vernichtet. Ich entlasse euch aus dem Fluch. Mögen eure Seele Ruhe finden.<
Die Mannschaft schwieg und machte keine Anstalten ins Himmelsreich auf- oder in die Hölle hinabzusteigen. Endlich ging der Bootsmann zu seinem Kapitän:
>Kapitän, die Leute fragen sich, ob wir nicht noch eine kleine Spitztour mit der Wrath unternehmen könnten. Nach London zum Beispiel. Nachdem sie dreißig Jahre an der Wrath gebastelt haben, möchten sie sie auch gerne in Aktion sehen.<
>Warum eigentlich nicht<, sagte der Kapitän, nachdem er eine Weile darüber nachgedacht hatte. >Und wer weiß, Bootsmann, vielleicht wohnen ja einige der Summertonianer jetzt in London. Das heißt, wenn es dieser Globale Erwärmung nicht auch vernichtet hat.< Der Kapitän lachte.
Die Wrath nahm Fahrt auf und pflügte stampfend durch die See. Der Kapitän blickte auf die Bronzetafel in seiner Hand. Der warme Oktoberwind strich über seine faulige Haut.
>Globale Erwärmung<, murmelte der Kapitän leise. >So´n Scheiß<, sagte er schließlich und warf die Tafel in die dunkle See.

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