Fugu Music 2
von Sabine Herzke (melody)

 

„Absolut. Wir haben es überprüft und an den jüngsten Opfern des tödlichen Stücks bei der Autopsie getestet. Es werden jetzt grundsätzlich Gewebeproben daraufhin überprüft.“
„Sorgen Sie dafür, dass das unter Verschluss bleibt. Davon darf auf keinen Fall etwas an die Öffentlichkeit kommen.“
„Haben wir Kontakt zu diesem Chemiker?“
„Er machte einen seriösen Eindruck. Der geht damit zu keiner Zeitung.“
„Bin ich hier nur von gutgläubigen Idioten umgeben?“ brüllte der Chef los. „Behalten Sie diesen Chemiker im Auge, verdammt noch mal“
Der Chemiker ging nicht zu den Medien. Er hörte sich um. Sprach mal mit diesem, mal mit jenem Wissenschaftler, ließ das Thema in Smalltalks in seiner Firma einfließen und besuchte Biologen-Vorträge. Stellte Fragen, stieß hier und da mal zu. Natürlich tat die Polizei auf legalem Wege dasselbe. Eines Tages standen sie bei dem Chemiker vor der Tür. Sie hatten einen Unterlassungsbefehl dabei.
„Lassen Sie es bleiben. Wir warnen Sie dringend vor. Sonst kommen wir das nächste Mal mit einem Haftbefehl.“
„Weshalb? Etwa Amtsbehinderung? Dass ich nicht lache. Ich weiß immerhin, wonach ich suche. Wissen Sie es? Hier sterben immer noch Menschen. Ohne Fachleute schaffen Sie das nicht!“
„Selbstjustiz“, begann ein Beamter.
„Wer spricht von Selbstjustiz? Ich helfe Ihnen nur, den Täter zu finden. Ich habe nicht die Absicht, ihn selber zu richten.“
Damit schloss er die Haustür.

„Ein Chemiker ist uns auf der Spur“, sagte der Verzweifelte zu seinem Komplizen. Die Männer saßen auf der Terrasse, ein Glas Wein vor sich, Stapel an Zeitungen auf dem Tisch, ein aufgeklappter Laptop.
„Kennst du ihn persönlich?“
„Ich war in dem letzten Vortrag, wo er eine Rede gehalten hat. Sehr geschickt gemacht – er hält ganz im Allgemeinen einen Vortrag über die Möglichkeiten DANN einzusetzen, ohne große Betonung, warum er darüber spricht. Er hofft natürlich, dass danach jemand zu ihm kommt und den Täter nennt oder sich vielleicht sogar selber stellt.“
Sie grinsten sich an.
„Das könnte interessant werden. Du könntest einen Hinweis geben.“
„Willst du so gern in den Knast?“
„Ach komm, wir bleiben auch so nicht ewig unentdeckt.“
Sie schwiegen eine Weile.
„Die Zeitungen sind jedenfalls voll davon. Eigentlich ist es doch nur ein biologisches Experiment, das aus dem Ruder gelaufen ist.“
„Wir wollten doch Aufmerksamkeit. Jetzt haben wir sie.“
„Wenn du in die Geschichtsbücher willst, führt kein Weg an der Polizei vorbei.“
„Du spinnst…“ Sein Freund wartete. „Ja gut, du hast wohl Recht. Verdammt. Noch ein Song als Wiedergutmachung…“
„Und dann ab in den Knast.“
„Oh, das hier ist interessant: Vortrag von einem Dr. chem. Markus Kruse über die Auswirkungen bestimmter Harmonien auf den Körper des Menschen – Was Sie über Mozarts Melodien noch nicht wussten.“
„Klingt sehr populärwissenschaftlich.“
„Das ist auch ein Vortrag… nichts besonderes, in einem Gemeindesaal. Für jedermann.“
„Okay, das muss er sein. Wir können gerne hingehen. Mich wundert nur, dass die Polizei ihn gewähren lässt.“

Die Polizei versprach sich Ergebnisse von diesem Vortrag. Sie hatten ihn durchsehen lassen und Dr. Kruse hatte das Okay bekommen, nachdem klar war, dass der Vortrag nichts preisgab, was ermittlungstechnisch nicht rauskommen durfte.
Dr. Kruse hatte de Vortrag außerdem in mehrere Sprachen übersetzen lassen und an verschiedenen Orten überall in der Welt verbreiten lassen, über Kollegen. Wer sicher gehen wollte, konnte sich daraufhin untersuchen lassen, ob er gefährdet war, aber da diese Untersuchung sehr teuer war, konnten sich das nur Gutverdienende leisten. Durch die Gesellschaft ging ein Aufschrei.

Der Musiker und der Biologe gingen gemeinsam zum nächsten Vortrag. Der Saal war überfüllt, wer nicht eine Stunde vorher da war, bekam keinen Platz mehr. Man kannte sich, sie trafen Bekannte und Kollegen. Hörten bei Gesprächen zu. Überall wurde über die Songs und ihre Folgen gesprochen, niemand, der einfach nur aus einer Neugier hergekommen war.
„Die muss man wegsperren und nie wieder rauslassen.“
Dem Musiker überlief es kalt bei den Worten, die von einer älteren Dame mit spitzer Stimme kamen.
„Da kann ich Ihnen nicht widersprechen“, sagte der Biologe.
„Vollkommen unverantwortlich! Und das in der heutigen Zeit, wo nichts mehr verschwindet, was einmal in der Welt ist!“
Der Musiker stimmte dem zu.
„Lynchstimmung“, sagte er zum Biologen. Sie trennten sich, sorgten dafür, dass sie weit entfernt voneinander saßen. Sie waren auch nicht zusammen angekommen, hatten sich genauso beiläufig miteinander unterhalten wie mit jedem anderen.

Es war der erste Vortrag in Frankfurt, der so gut besucht war. er hatte schon zuvor drei gehalten, aber trotz der Brisanz des Themas gingen erst nur andere Fachleute hin. An diesem Abend waren auch mehrere Polizeibeamte in Zivil anwesend. Der Vortrag war so abgefasst, dass ihn auch Laien gut verstehen konnten. Als Dr. Kruse endete, schoss eine Applaus-Welle durch den Saal. Er schloss jedes Mal eine Diskussionsrunde an, in der jeder Fragen stellen konnte.
Musiker und Biologe verständigten sich mit Handzeichen. Als die Fragen verebbten und die ersten Zuhörer den Saal verließen, ging der Biologe nach vorn.
„Dr. Kruse, ich bin von Ihrem Vortrag sehr beeindruckt. Darf ich fragen, wie ein Chemiker auf so ein komplexes biologisches Thema kommt? Oh Verzeihung. Ich bin Dr. der Biologie, Andreas Meyer.“
Kruse schaute Meyer in die Augen. Etwas stimmte nicht mit diesem Mann, aber er konnte es nicht benennen.
„Ich habe auch mehrere Semester Biologie hinter mir, Dr. Meyer. Mich faszinierte schlicht das Problem dieser Musikstücke, die manche Leute umbringen oder in Wollust stürzen und andere vollkommen unberührt lassen. Die Wirkung von Musik auf den Menschen ist seit langem bekannt, doch das hier ist eine neue Stufe der Entwicklung. Ich arbeite eng mit der Polizei zusammen und betrachte es als meine Pflicht, die Menschen vor dieser Musik zu warnen.“
Er hatte wässrig blaue Augen und eine Art sich hinter diesem Blick zu verschanzen, die Dr. Meyer abstieß. Seine Stimme war leise und sanft, etwas heiser, man musste ihm genau zuhören.
„Ihr Vortrag war auf jeden Fall sehr begeisternd. Ich bin sicher, dass Sie damit viel Erfolg haben.“
„Vielen Dank, Dr. Meyer.“

Der Musiker und der Biologe fuhren getrennt und telefonierten abends lediglich eine Weile.
„Er kennt jetzt meinen Namen und mein Gesicht.“
„Wenn er so klug ist, wie er tut, wird er die Angaben weiterleiten. Dich kriegen sie schneller, wenn du so weitermachst.“
„Das dritte und vierte Stück“, erinnerte er. „Und dann setzen wir uns zur Ruhe.“
Bei diesen beiden Stücken durfte ihnen kein Fehler unterlaufen. Währenddessen war ihnen völlig klar, dass die Polizei ihnen immer dichter auf den Fersen war.
„Wenn der Chemiker so gut ist, wie er sagt, sehe ich uns in ein paar Wochen hinter Gittern und nicht auf einer Insel.“
„Du verdammter Pessimist.“ Der Musiker warf seinem Freund daraufhin einen tiefschwarzen Blick zu.

Sie blockierten probehalber ein paar Tage beide Stücke im Internet und lasen dann die Nachrichten. Die Spekulationen nahmen kein Ende. Die Abschaltung war natürlich eine Rückmeldung der Verursacher.
„Dieses Mal kriegen wir sie. Findet raus, wo diese IP-Adresse liegt, von der die Abschaltung erfolgte!“
Die beiden Männer machten in der folgenden Woche Überstunden. Außerdem nahmen sie Kontakt zu zwei Anwälten auf, trafen sich zu viert und bereiteten sich vor. Die Anwälte rieten ihnen davon ab, die beiden letzten Stücke zu veröffentlichen, aber sie wollten alles.
„Wir ziehen das jetzt durch“, sagte Meyer.
Der Musiker zögerte eine Sekunde.
„Herr Kersten?“ Auch die Anwälte warteten auf eine Antwort.
„Wir ziehen es durch.“ Kersten atmete aus. „Es war ein Spiel, ob wir davonkommen oder nicht.“
Sie stellten sich nicht den Behörden. Die Anwälte gaben es auf. Sie versprachen, auf Abruf zu bleiben.
„Das mit den Stücken drei und vier haben wir nicht gehört“, sagte Meyers Anwalt.
„Wir wollen mit der Aktion auf etwas aufmerksam machen“, erwiderte Kersten. „Wir erledigen das und falls es dazu kommen sollte, erledigen Sie Ihre Arbeit. Dafür bezahlen wir Sie und für nichts anderes.“
Die Anwälte packten ihre Unterlagen zusammen. Kersten und Meyer begleiteten sie noch zur Tür.

„Dann los. Hast du die Sequenzen isoliert?“
Meyer legte sie auf den Tisch. Kersten griff zu Stift und Notenpapier. Sie arbeiteten die halbe Nacht durch, dann legten sie die Partitur über die DNA-Stränge.
„Perfekt“, sagte Dr. Meyer. „Sieh dir das an, keine einzige unebene Stelle.“
Dieses Mal schickten sie das Stück zu ein paar Leuten, die auf SchulPartys auflegten. Zur Sicherheit hatten beide Schulen Sanitäter angefordert und die Polizei war in Rufbereitschaft. Kersten und Meyer hatten sich aufgeteilt. Zwei große Schulen, zwei Partys.
„Hausmeisterdienste, du kannst doch mit Elektrik umgehen. Damit fallen wir am wenigsten auf.“
„Sie werden alle Mitarbeiter während der Veranstaltungen überprüfen.“
Meyer sah Kersten prüfend an. „Hast du Schiss? Du bekommst langsam Angst, oder? So kenne ich dich gar nicht. Und nach der Veranstaltung kann es uns ja egal sein. Wir fallen nicht auf, glaub mir.“

„Hier ist alles voller Polizei“, sagte Kersten.
Er schlenderte in Arbeitskleidung, das Handy am Ohr, über den Parkplatz, Richtung Werkzeugschuppen, als hätte er dort zu tun.
„Hier auch“, sagte Meyer. „Ziemlich viel in Zivil und ein ganz paar Uniformierte zur Zierde.“
„Okay. Wenn wir es nach draußen schaffen, treffen wir uns gegen 23 Uhr bei mir zu Hause.“

Sie wussten nicht, was für Anweisungen die Polizei hatte und hielten sich in der Nähe auf, als die DJs an beiden Orten in Aktion traten. Sie überwachten die Technik, blieben unauffällig und behielten so das Geschehen im Blick. Beide DJs kündigten das Stück sogar entsprechend an.
„Jetzt kommt was ganz besonderes, Leute. Macht euch bereit, riskiert es, denn hier ist das neue Stück von Anonymus!“
Das war ihnen neu. Sie waren auch in den Zeitungen schon benannt worden, aber jetzt hatten sie einen Namen, unter dem sie bekannt werden konnten.
Was dann geschah, lief fast zeitgleich auf beiden Partys ab.
Alle hielten für einen Moment den Atem an, als das Stück begann. Keiner dachte ans Tanzen, Schüler, Gäste, Lehrer, Polizisten, alle standen wie erstarrt.
Im Gegensatz zu den vorigen war dieses auch nicht tanzbar. Aber dieses Mal erreichte es fast jeden Anwesenden. Das Stück, nur aus einer Gruppe Celli und Schlagzeug bestehend, darüber ein Elektronik-String, dazu eine einzige Violine, löste bei allen Gefühle aus, die sie gegenseitig in die Arme oder auf die Knie sinken ließ.
Zunächst konnte es keiner einordnen, bis einer der wenigen, die davon unberührt blieben, hörte, was ein Lehrer in seiner Nähe immer wieder sagte: „Es tut mir leid, es tut mir so leid, verzeiht mir!“
Kersten und Meyer standen still in ihren Ecken und beobachteten das Ganze. Als sein Handy klingelte, ging Kersten ran ohne den Blick abzuwenden.
„Bei dir auch? Hier läuft es hervorragend. Erstaunlich, wie viele es erwischt hat.“
„Bei mir auch. Denke mal, die werden das Muster erkennen.“
„Okay. Ich verschwinde jetzt. Du solltest das auch tun.“
„Kann ich mal bitte Ihre Papiere sehen?“
Kersten schaute sich um. Dann senkte er die Hand mit dem Telefon, zog seine Papiere heraus und gab sie dem Polizisten.
Meyer hörte mit, wie sein Freund verhaftet wurde. Dann legte er auf und zog sich zurück. Es reichte, dass sie einen von ihnen erwischt hatten. Er hatte nicht das Bedürfnis mit der Polizei zu sprechen.
Natürlich wurde Kerstens Handy konfisziert. Sie wussten, dass sie nur Zeit gewonnen hatten. Sie brachten Kersten unauffällig fort. Er verlangte seinen Anwalt und verweigerte jede Auskunft. Ihm war klar, dass er vorläufig nicht mehr freikommen würde.

Meyer fuhr sofort zur Kanzlei. Ihre Anwälte arbeiteten im gleichen Haus.
„Dr. Meyer.“
„Herr Hoffmann.“
Der Anwalt bat ihn Platz zu nehmen. „Ihr Partner ist also verhaftet worden.“
„Das stimmt. Wir standen telefonisch in Kontakt. Ich habe es mitgehört und bin dann sofort weggefahren.“
„Es gehört noch immer zu Ihrem Plan, an die Öffentlichkeit zu gehen?“
„Deswegen haben wir uns ja so früh mit Ihnen in Verbindung gesetzt.“
„Die Polizei wird das Gespräch zurückverfolgen. Das dauert nicht mehr lange, bis Sie auffliegen.“

Es ging schneller als erwartet. Sie holten Meyer am gleichen Abend. Er rief Hoffmann an. Der war in einer Sitzung und es dauerte, bis Meyer die Sekretärin von der Dringlichkeit überzeugen konnte. Kersten und Meyer bekamen die Gelegenheit sich mit den beiden zu beraten und dann bekam der Kommissar endlich die Aussagen, auf die er gewartet hatte.

„Ein wissenschaftlicher Versuch?“
Die Frage wurde auf der anschließenden Pressekonferenz genauso fassungslos gestellt wie von den Mitarbeitern der Soko.
„Einer, bei dem sie schockierende Ergebnisse ans Tageslicht brachten. Sie alle waren Zeugen dieser Versuche. Unsere Fachleute untersuchen das jetzt, damit wir entsprechendes Wissen haben und solchen Anschlägen vorbeugen können.“
„Sie wollen damit sagen, dass das jederzeit wieder passieren kann?“
„Damit will ich gar nichts sagen, aber Sie alle wissen, was passiert, wenn sich solch brisante Informationen in den falschen Händen befinden.“
Daraufhin brach ein Sturm aus empörten, wütenden Stimmen los. Sie warteten, versuchten die Journalisten zu beruhigen.
„Die Männer haben sich bereiterklärt mit uns zusammenzuarbeiten…“
Der Lärm wurde ohrenbetäubend.
„Sie werden ihren Prozess bekommen, das versteht sich von selbst. Aber sie sind die einzigen, die im Moment das Fachwissen über diese hochkomplexen Prozesse haben, wir können nicht auf sie verzichten.“
Dass sie bereits einen Deal mit der Staatsanwaltschaft aushandelten, verschwieg der Pressesprecher.

Sie ließen sich auf eine Kaution ein und stellten hinter fest, dass sie besser in Untersuchungshaft geblieben wären. In der Stadt wurde zu einer Jagd gegen sie aufgerufen.
Sie schlugen mit einer eigenen Pressekonferenz zurück. Dafür mieteten sie den größten Saal, den sie bekommen konnten. Ein privater Sicherheitsdienst sorgte für ihren Schutz und die Polizei hatte auf Gefahr erkannt und sich ebenfalls eingeschaltet. Jetzt beschützten sie diejenigen, die sie zuvor gejagt hatten.
Noch bevor die beiden beginnen konnten, stürmten mehrere Männer zur Rednerbühne. Die Sicherheitsleute stürzten sich auf sie und rangen mit ihnen.
„Sie sind Mörder! Nur für Ihre wissenschaftliche Neugier mussten hier Jugendliche sterben!“
Kersten und Meyer zuckten kurz zusammen und versuchten ruhig zu bleiben, nur nicht sich provozieren lassen.
„Nein, bringen Sie sie nur zur Tür“, sagte Kersten. „Sie sollen zuhören.“
Warteten ab, sie wussten, wie sie die Aufmerksamkeit der Journalisten wieder auf sich lenken konnten.
„Wenn Sie sagen, dass wir die Verursacher sind, haben Sie Recht. Wir haben diese Stücke geschrieben, eine vollkommen neue Symbiose! Eines Tages wird man das Potential erkennen, wird Musikstücke noch gezielter als heute zur Heilung einsetzen, weil sie auf einer tiefen Ebene mit dem Körper reagieren und kann Musik noch passgenauer einsetzen, um Leuten Entspannung zu bringen oder quasi als Aufputschmittel für die Pause im Büro oder in der Schule.“
Meyer lächelte, Kerstens Augen leuchteten, sie zogen die Anwesenden fast gegen deren Willen in ihren Bann. Keiner konnte sich diesem Auftritt entziehen. Meyer ergriff das Wort.
„Wir bedauern den Tod dieser Menschen und versichern, dass wir das nie beabsichtigten. Wir werden uns dem Strafprozess stellen und dafür bezahlen.“
Die Wogen schlugen erneut hoch, dieses Mal zog Meyers Anwalt, der neben der Tür stand, die Handkante quer über den Hals. Meyer nickte ihm leicht zu. Diese Entschuldigung war noch nicht vorgesehen gewesen. Sie gehörte in den Prozess. Aber Meyer würde, genau wie Kersten, um keinen Preis die Fäden aus der Hand geben.
„Haben Sie das eingeplant? Haben Sie wirklich Schäden in Kauf genommen?“
Kersten wandte sich den Journalisten zu.
„Wir hatten nie die Absicht, einer Person Schaden zuzufügen. Für den Moment ist das alles. Sie verstehen sicher, dass wir uns jetzt auf den Prozess vorbereiten müssen und keine Fragen mehr beantworten.“
„Das können Sie nicht machen! Das ist eine Unverschämtheit! Beantworten Sie unsere Fragen!“
„Warten Sie auf den Prozess. Warten Sie einfach ab. Sie werden noch wieder von uns hören.“

„Glaubst du, sie haben es geschluckt?“ fragte Kersten seinen Partner später, als sie in dem kleinen Zimmer im ausgebauten Keller bei Meyer saßen, wo sie niemand störte und keiner durchs Fenster schauen konnte. Sie brauchten keine Presse zu diesem Zeitpunkt.
„Dafür sind sie Journalisten“, erwiderte Meyer, reichte Kersten ein Bier. „Die werden dafür bezahlt, gierig nach Sensationen zu sein. Glaub mir, bis zum Prozess müssen wir höchstens die Geier von unseren Haustüren verscheuchen.“
„Dann zeig her.“
Kersten nahm das Heft entgegen. Er schwieg, las sich die Seiten durch.
„Absoluter Wahnsinn. Ich werde die Formeln überprüfen, aber sie dürften stimmen. Weißt du schon, was du mit deinem Haus machst?“
„Verkaufen. Ich habe es schon schätzen lassen, die Summe reicht vielleicht sogar komplett für die Schmerzensgeld- und Schadenersatzzahlungen.“
„Meines auch. Ich kann den Großteil davon abdecken.“
„Das hier könnten wir noch stoppen“, sagte Meyer. „Es ist noch nicht im Umlauf.“ Aber seine Augen glitzerten bei den Worten.
„Willst du es denn stoppen?“
„Willst du es?“
Sie sahen sich an, forschten im Blick des anderen.
„Nein.“ Sie umfassten sich bei den Unterarmen, drückten leicht zu. „Das ist es wert.“
„Heute sind die Zusicherungen von der Polizei gekommen. Egal wie hoch die Strafe ist, sie greifen jederzeit auf unsere Dienste zurück.“
Bis sie uns nicht mehr brauchen, dachte Kersten. „Also sind wir dann die Goldesel, die ihnen bei kriminalistischen Analysen helfen.“
„Genau.“
„Wohlstand gegen Ruhm. Nicht schlecht.“
Den Sarkasmus in Kerstens Stimme hörte Meyer nicht. „Lass uns anfangen, sonst schaffen wir es nicht.“

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