Ein fast perfekter Mittwoch
von Markus

 

Arnold erwachte und blickte auf die Digitalanzeige seines Funkweckers, 7:14h, Mittwoch. 7:14h war gut, 7+7=14, 14.07., Isa. Er kontrollierte schnell seine Funkarmbanduhr, ebefalls 7:14h, 7+7=14! also war die Anzeige korrekt. Die Ersatzbatterie lag neben dem Wecker, nur zur Sicherheit. Er ersetze sie jeden Montag, nur zur Sicherheit. Isa, 14.07, das war ihr Geburtsdatum, das Jahr hatte sie ihm nicht genannt. Isa.
Einmal war er erwacht und die Digitalanzeige hatte kein beruhigendes, rotes Leuchten in seinem Schlafzimmer verbreitet. Es war dunkel gewesen. Er hatte nicht gewusst wie spät es war, nicht welcher Wochentag es war. Bei dem Gedanken daran begann sich die Übelkeit wieder in seinem Magen auszubreiten, der harte Klumpen hinter seinem Bauchnabel wurde schwerer. Arnold schluckte und blickte wieder auf die Digitalanzeige mit ihrem tröstlichen, roten Licht und atmete erleichtert auf.. Mittwoch! Also die blaue Short mit dem Karomuster und der grüne Pullover. 7:14h (14.07., Isa) , das war ein gutes Zeichen, immer wenn es beim erwachen 7:14h (7+7=14!) war konnte er einen perfekten Tag erwarten.
Er hob das linke Bein aus dem Bett auf den Boden, dann folgte das rechte. Beide Füße standen automatisch in seinen Hausschuhen, er hatte sie wie immer exakt abgestellt. Er stand auf, schüttelte das Kopfkissen aus und schlug die Bettdecke über das Gestell am Fußende zum auslüften,sauber in der Mitte gefalten.
Arnold ging mit seinen federnden Schritten durch das Zimmer und folgte den Linien des Parkettbodens durch die Diele, bog dann im rechten Winkel ab ins Bad. Dabei berührte er gedankenverloren mit Zeigefinger und Mittelfinger der linken Hand jeden Türrahmen als er hindurch schritt. Die dunklen Flecken an den Stellen ließen darauf schließen das er dies regelmäßig tat, doch Arnold sah die Flecken nicht, niemals.
Er nahm die blaue Morgenzahnbürste in die Hand und drückte einen Streifen Zahnpasta darauf, die ersten beiden Borstenreihen ließ er frei, ebenso wie die letzten beiden, wie immer. Dann legte er die Zahnbürste zur Seite, faltete die Tubelfalz ein weiteres Mal um und maß den verbleibenden Rest. Exakt die Länge des letzte Glied seines kleinen Fingers, also musste er auf seiner Bestellliste gleich ein Kreuz bei Zahnpasta einfügen. Mittwoch, Bestelliste abschicken, 18h. Frühstück um 8h, Mittagessen um 13h, Abendessen um 18.30h, vorher die Bestellliste abschicken.

Nachdem er Gesicht und Kopf rasiert hatte legte er den Einwegrasierer in den Mülleimer im Badezimmer. Es war Mittwoch! Der Müll war zu voll. Er leerte ihn immer erst Freitag.
Arnold begann mit der linken Hand Ravel´s Bolero auf seinem Oberschenkel zu trommeln. Mittwoch, der Mülleimer war zu voll für Mittwoch!
Dann fiel ihm ein das er sich gestern beim Rasieren geschnitten hatte. Es blutete ausdauernd an seinem Kinn und es kostete einige Taschentücher bis die Blutung gestoppt war. Diese Taschentücher waren im Müll gelandet. Das Trommeln verebbte und seine Haltung entspannte sich sichtlich. Der Platz im Mülleimer würde bis Freitag ausreichen. Heute war Mittwoch, Freitag brachte er den Müll nach draussen. Draussen, vor die Tür. Draussen! Aber erst in der Nacht wenn keiner mehr dort war.

Mittwoch! Arnold stand vor seinem Kleiderschrank und zog sich seinen Schlafanzug und die Unterwäsche aus, faltete diese exakt bevor er die Kleidungsstücke in den Wäschesack legte. Mittwoch, Wäschesack! 23.30h! 18:30h Abendessen, Wäschesack um 23:30h an die Klinke hängen, aussen. Aussen! Aber erst um 23:30h, sonst sind möglicherweise Nachbarn draussen! Er öffnete die zweite Schublade und griff vom dritten Stapel in der Reihe eine blaue Boxershort mit Karomuster. Dann öffnete er die oberste Schublade und entnahm dieser ein paar graue Socken. Es lagen nur graue Socken darin. Nachdem er sich noch ein Hemd aus der dritten Schublade von einem Stapel identischer Hemden genommen hatte öffnete er die große Spiegeltür und griff zum dritten Bügel in der Reihe. Dort hing der grüne Pullover. Darunter lag sauber gefalten die Jeans.
Mittwoch!
Arnold nahm kurz einen Lappen zur Hand und wischte über die Decke des Esstischs, 648! 36 Quadrate quer, 18 längs, zusammen 648. Immer abwechselnd hell- und dunkelblaue Quadrate, völlig ebenmäßig.
Dann setzte er sich an den Tisch und blickte auf die Wanduhr, 7:51h. Er kontrollierte kurz mit Hilfe seiner Armbanduhr, die Zeit stimmte. Das Ticken den Uhr durchbrach die Stille rythmisch. Arnold begann mit Mund und Zunge Schnalzgeräusche in verschiedenen Tonlagen zu erzeugen, genau im Rythmus des Tickens, dann doppelte er seine Geschwindigkeit. Nach einigen Augenblicken begann er noch etwas schneller zu Schnalzen, wanderte vom binären in den ternären Rythmus und halbierte wieder die Geschwindigkeit, auf viermaliges Ticken der Uhr legte er sechs Schnalzer seiner Zunge, dabei wiegte sein Oberkörper vor und zurück. 90 pro Minute, triolisch.
8:00h. Er stand auf und nahm aus dem obersten Fach des Kühlschranks das dritte Glas von links, Erbeermarmelade. Mittwoch, der dritte Tag der Woche. Er setzte sich, nahm mit dem Messer eine daumennagelgroße Menge Margarine auf und plazierte dieses Stück exakt in die Mitte seiner Toastscheibe. Mit präzisen Bewegungen verteilte er die Margarine immer von der Mitte nach rechts zum Rand, nach jeder zweiten Streichbewegung hielt er inne und drehte den Toast um 45 Grad gegen den Uhrzeigersinn.
Als er nach der Erdbeermarmelade greifen wollte stockte er. Die Tischdecke musste beim aufstehen verrutscht sein, die Längskante des Quadratmusters verlief nicht mehr exakt mit der Tischkante. Wieder fühlte er den schweren Klumpen im Bauch der ihn nach unten zog. Er begann wieder mit der Zunge zu schnalzen, diesmal schnell und hektisch als er mit der rechten die Tischdecke wieder genau nach der Kante des Tisches ausrichtete.
Dabei fiel ihm die Serviette vom Schoß auf den Küchenboden. Schnell stand er auf und warf diese in den Müll. Er nahm sich eine neue aus der Packung die auf der Ablage neben dem Kühlschrank lag. Lieferung immer Freitag, 14 Stück sollten sich nun noch in der Verpackung befinden, 20 sind es immer wenn sie voll ist. 14, 7+7=14! Ein gutes Zeichen!

Nachdem Arnold den Teller und das Messer in die Spülmaschine geräumt hatte ging er ins Wohnzimmer und betätigte den Schalter der Leuchtstofflampe über seinen Bonsaipflanzen. Die Silbereiche hatte einen neuen Seitentrieb, wie er bemerkte. 49 Blätter! 7 * 7 = 49! Ein neuer Trieb hieß 50, nicht gut! Mittwoch! Es ist Mittwoch! Die Pflanzen sind erst Donnerstag auf dem Plan! Donnerstag ist Morgen, der Trieb wird bis dahin noch warten müssen, Mittwoch!
Mit einem leichten Zittern zwang er sich die Pflanze nicht weiter anzustarren und ging zum Schränkchen neben der Couch. Er griff zum dritten Fach und erstarrte als die Türglocke erklang.
Vier Mal hallte der Gong durch seine Kopf und fegte jede Gedanken hinweg. Arnold verharrte in halbgebückter Haltung, die rechte Hand noch zum Schrankfach ausgestreckt und lauschte mit leerem Blick. Das Echo des Gongs schien sich noch immer in seinem Kopf zu befinden und von einer Schädelseite zur anderen hin und her zu springen wie ein Echo, dabei versetzte der Klang seinen ganzen Körper in Schwingung so das er immer stärker zu Zittern begann bis er das Gleichgewicht verlor, auf seinen Hintern plumpste. Die ausgestreckte Rechte klatschte dabei auf den Oberschenkel und die Linke folgte, Ostinato, 3/4, Bolero, wobei die Rechte der Melodie A der Querflöte folgte.
Es hatte geklingelt.Es war nicht Freitag. Mittwoch! Nicht die Lieferung, die kommt Freitag und die Lieferung klingelt nicht. Die Lieferung kommt Abends. Es ist Morgens. Mittwoch! Wäsche, Mittwoch wird Wäsche abgeholt. Nachts. Wäsche klingelt nicht. Mittwoch!

Der Klumpen im Bauch zog sich schon wieder zusammen. Immerhin erklang der Gong nicht mehr im Kopf. Arnold hatte sich aufgerichtet und saß unbewegt lauschend auf dem Boden. Es war nichts als das Rauschen des Blutes in den Ohren zu hören und ein leises Trommeln seiner Finger auf der Jeans.Doch dann erklangen draussen vor der Wohnungstür stampfende Schritte auf den groben Holzstufen des Treppenhauses die herauf kamen. Die Schritte gingen weiter über den Boden der Etage, an den Türen vorbei, näherten sich seiner Wohnungstür.
Arnold verkrampfte sich und steckte seine Finger feste in die Ohren. Ich bin nicht da, ich bin nie da, ich bin nicht da, ich bin nie da, ich bin nicht da....

Nach schätzungsweise 20 Minuten verlor er wieder das Gleichgewicht und fiel auf die Seite. Dabei rutschte der linke Finger aus dem Ohr.
Stille.

Noch immer Stille.

ICH BIN NICHT DA!

Er setzte sich auf, atmete noch einmal tief durch und griff wieder in das dritte Fach der Schränkchens. Arnold zog eine schmale aber hohe Kiste hervor, legte sie vor sich hin und klappte die Box auf. Zum Vorschein kamen ein Stapel Schallplatten.
Mittwoch, Mozart, M-M.
Zu oberst lag das Violinkonzert Nr.1 in B-Dur von 1773, immer.
Er zog sich die Kopfhörer über und legte die Platte auf den Schallplattenspieler neben der Couch.
Kopfhörer machen es besser! Dann faltete er die Beine übereinander und verschränkte die Arme vor der Brust als die ersten Klänge ertönten. Kopfhörer, Isa. 14.7.! Sie hatte mit ihm hier gesessen und er hatte keine Kopfhörer gebraucht, denn Isa musste ja mithören. Chopin. Immer Chopin. Den Isa kam Samstags. Samstag war das sechste Fach, Chopin. Isa! Isa kannte kein Mozart weil Mozart Mittwoch war.

Als er nach einiger Zeit beim Adagio in E-Dur angekommen war bemerkte er zum ersten Mal den Missklang. Er öffnete die Augen, behielt aber seine Körperhaltung bei. Da war es wieder, und es gehörte nicht zum Violinkonzert.
Arnold entfaltete zuerst die Beine, dann streckte er die Arme aus, stoppte den Schallplattenspieler und legte die Kopfhörer neben diesen, exakt ausgerichtet. Er blickte konzentriert auf die Wand vor sich. Wieder dieses Geräusch, ein Schrei. weiblich. Dazwischen ein tieferes Brüllen, männlich. Sie schienen sich zu streiten.
Schnell steckte sich Arnold wieder die Finger in die Ohren, er zitterte leicht.
Kein 7:14h, kein perfekter Tag, bestimmt nicht. So viele Störungen, alles nicht planmäßig, Störungen von Aussen. Die Fenster waren verklebt, die Tür doppelt gesichert und jede Ritze verdeckt. Hier kann nichts rein. Hier kann nichts rein.
Schnelles Schnalzen, die Zunge klackerte hektisch in seinem Unterkiefer.

Doch die Geräusche drangen trotzdem weiter in sein Heim, in seine Burg. Die Lautstärke und Intensität der Streits steigerte sich so sehr das es nicht einmal mehr mit den Fingern in den Ohren zu überhören war. Dann brüllte die männliche Stimme noch einmal auf und ein dumpfer Schlag erschütterte den Boden, die Couch, Arnold.
Er sprang auf, zitternd und drehte sich langsam im Kreis, die linke Hand wieder auf dem Oberschenkel im 3/4 Takt klopfend, die Rechte wanderte hektisch zwischen Ohr und Oberschenkel auf und ab.
Nun war die männliche Stimme in der anderen Wohnung nicht mehr zu hören, dafür kreischte die weibliche. Der dumpfe Schlag an der Wand erfolgte erneut, immer wieder, und das Kreischen steigerte sich, bis es auf einmal abrupt stoppte. Es ertönte noch einmal ein ein Schlag. Dann Stille. Endlich Stille. Stille! Sein Schnalzen erstarb, er presste die Hände feste an seine Oberschenkel, zitterte noch aber drehte sich nicht mehr im Kreis. Er legte den Kopf auf die Seite und lauschte der perfekten Stille bis auch das Zittern endete.

Arnold blickte auf die Hülle der Schallplatte vor sich. Mozart, Adagio, schließlich war es Mittwoch.
Er trommelte noch abwesend ein paar Takte mit der Linken während seine rechte Hand mit den Fingern dazu eine Klaviermelodie auf seinem Oberschenkel spielte, Melodie B, Bolero

Mittwoch! Mozart!

Er entschloss sich eine andere Platte aus der Box zu nehmen, sortierte das Adagio wieder in die richtige Reihenfolge ein und griff zur Sinfonie Nr.38, der Prager Sinfonie in D-Dur.

Draussen im Treppenhaus wurde eine Tür mit einem lauten Knall geschlossen, schwere Schritte trampelten eilig an Arnolds Tür vorbei und die Treppe hinunter.

Arnold stand regungslos. Mozart! Mittwoch! M-M! Dann ließ er langsam die Plattenhülle sinken, legte sie schräg auf den Rand der Box ohne an die Reihenfolge zu denken.
In seinem Kopf hallten die dumpfen Schläge an der Wand wieder, der Schrei und das Kreischen der Stimme. Die Schläge! Etwas stumpfes an der Wand.
Arnolds Gehör war aussergewöhnlich fein, er konnte bei klassischen Aufnahmen jedes einzelne Instrument orten, sah vor seinem inneren Auge die genaue Intrumentierung vor sich aufgestellt, jedes Instrument genau im Raum. Und er hörte Fehler die selbst der Dirigent nicht wahrnahm. Ein leicht gebogener Finger der eine Saite des Cello berührte wo er nichts zu suchen hatte, einen Hornbläser der unter leichtem Asthma litt, ein Husten des Harfners, ein Schritt des Mannes an der Trommel um die Beine zu lockern.
In seinem Kopf hörte er erneut das Echo der dumpfen Schläge. An der Wand. Von einem Kopf. Ein schreiender Frauenkopf. Schwere, dumpfe Schläge. Mit dem Kopf gegen die Wand. Schreiend.

Vor seinem inneren Auge sah er genau die Positionen der der Geräuschquellen. Eine tiefe Stimme, ein Mann. Schwere Schritte, ein schwerer Mann. Schwer=stark, die Masse des Körpers musste bewegt werden.
Eine höhere Stimme, weiblich, eine Frau. Wie Isa. Frau! Frauen sind zu 93% leichter als Männer, gemessen am europäischem Durchschnitt, schätzungsweise geht damit auch eine geringere Muskelmasse einher. Stärke war entscheidend.. Der Schlag an der Wand, dumpf, ein Kopf, weiblich, schreiend, die Frau. Mit jedem Schlag lauter, dann Stille. Kaputt! Vermutlich Stille aufgrund eines körperlichen Schadens der das Schreien verhinderte. Vermutlich, vermuten wir? Wir müssen. Nein wir wissen! Die Schläge waren zu stark um nicht große Schmerzen hervorzurufen. Ohne Schaden hätte sie weiter geschrien. Also Kaputt.
Arnold wog noch einen Augenblick die Möglichkeiten ab, kam aber immer zum gleichen Ergebnis. Die schweren Schritte waren vor 12 Minuten verklungen wie er nach einem Blick auf die Uhr erkannte. 12 Minuten waren lang. Zu lang um Hilfe zu holen wenn die Schritte desshalb gegangen waren. Also? Was nun? War noch Hilfe nötig?
Er wusste es nicht. Kalte Ruhe breitete sich in Arnolds Gedanken aus. Er wusste leider nicht wie hoch die Warscheinlichkeit war in 12 Minuten an einer Kopfverletzung zu sterben, noch wie hoch die Chance war das sich nach dieser Zeit eine schwere Verletzung in eine tödlichen verwandelte. Aber die klare und kalte Logik machte ihm bewusst das er vermutlich der entscheidende Faktor in dieser dieser Gleichung war.
Er stand auf, strich sich seine Jeans glatt und ging zaghaft durch die Diele zur Wohnungstür. Die Wohnung nebenan betreten? Unlogisch, kostete Zeit und half nicht!
Kurz blitzte der Gedanke an ein Telefon in der Nachbarwohnung in seinem Kopf auf, 112, doch er verblasste so schnell wieder wie Arnold eben selber keines besaß, niemals ein Telefon benutzte. Er öffnete die zwei Sicherheitsschlösser an seiner schweren Holztür und sie öffnete sich mit einem schmatzendem Geräusch als diese sich von dem Gummirand löste. Seine linke Hand wollte schon wieder den Bolero trommeln, doch er steckte sie einfach in die Hosentasche und schritt über die Schwelle in den Flur, dann ins Treppenhaus.

Als Arnold unten durch die Eingangstüre schritt stand er mit seinen Hausschuhen plötzlich im Schnee. Er blickte verwundert zu seinen Füßen und hob diese abwechselnd langsam. Schnee. Eindeutig Schnee. Also war wohl Winter.
Lärm umwob ihn wie Nebel, durchdrang seine Haut wie Nadelstiche, lähmten seine Ohren, verirrte sich in seinem Kopf und fanden keinen Ausgang.
Er hob langsam den Blick während sein Kopf immer weiter anschwoll, mit Lärm gefüllt.
Lichter blitzten auf, weiße, blaue, rote. Lichterketten stachen in seine Augen. Lampen waren sternförmig angeordnet und blitzen grell an Fenstern. Nadelgehölz hing herum, mit Lichtern versehen. Überall liefen Menschen eilig durcheinander, hunderte, tausende, Millionen.
Arnold stand einfach dort und konnte sich nicht mehr regen. Die Lichter, die Bewegungen und die Geräusche hatten ihn an der Stelle gebunden, seinen Kopf von allen Gedanken befreit, kein Platz mehr für eigene Gedanken so voll war er mit allem. Er war nur noch eine leere Hülle in der sich immer mehr die Umgebung sammelte, er saugte quasi die Welt in sich auf, schwoll an, verstärkte alles in sich ohne etwas davon wieder von sich zu geben. Der Lärm engte sein Sichtfeld immer weiter ein.

Dann fand er doch eine Öffnung.

Arnold öffnete den Mund und ein Schrei kaum aus seinem Mund. Ein lauter Schrei. Ein endloser Schrei. Ein Destillat. Alles was sich in ihm gesammelt hatte drang wieder heraus, alle Geräusche drangen wieder aus seinem Kopf heraus gebündelt in einem Schrei.

Dann war er vorbei.

Er stand noch immer dort im Schnee.

Leute versammelten sich um ihn, blickten ihn an, wollten ihn berühren. Gesichter überall, Augen. Er blickte zum Himmel, dort waren keine Gesichter, keine Augen.
Was er habe wurde er gefragt, ob es ihm gut gehe, ob er Hilfe brauche. Hände berührten ihn und ihm wurde schlecht davon, er zuckte zurück.
Kopf, Wand, Frau! Hilfe holen!
Arnold räusperte sich, den Blick noch immer zum Himmel gewand und die Leute um ihn herum verstummten.
"Äh..." begann er, erstaunt über seine eigene Stimme. War er das wirklich? Dann sammelte er sich, überlegte kurz um die richtigen Worte zu finden, kurz, präzise, informativ. Und dann sprach er, ohne jegliche Intonation, ratternd wie die Räder eines Zuges im Höchsttempo auf den Schienen.
"Ich bitte sie alle um Entschuldigung für die Störung, doch ich vermute in dem Haus hinter mir wurde eben ein Verbrechen begangen. In der dritten Etage hinter der vierten Türe auf der rechten Seite liegt meiner Einschätzung nach eine Frau, verletzt und ohnmächtig oder bereits tot, höchstwarscheinlich stark aus einer Kopfwunde blutend. Leider kann ich keine genauere Aussage treffen da ich es für wichtiger hielt Hilfe zu holen. Bitte seien Sie so freundlich und informieren die Ambulanz."

Dann setzte er sich in den Schnee.
Die Leute um ihn herum begannen zu tuscheln, zeigten mit dem Finger auf ihn, zogen Mobiltelefone aus den Taschen und telefonierten.
Arnold saß im Schnee, hatte die Augen geschlossen und trommelte den Bolero auf seinen Oberschenkeln, ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen.

Als wenige Augenblicke später mit lauten Geheul Rettungswagen und Polizei eintrafen wurde die Menschenmenge zurückgedrängt und Beamte sowie Sanitäter hasteten in das Haus.

Arnold trommelte mit geschlossenen Augen, den Kopf himmelwärts gereckt.

Dann öffnete er die Augen und sah eine Mütze mit einem Mann auf sich zuwanken. Der Mann hielt sich mit einer Hand an der Hauswand, auf dem Kopf trug er eine rote Filzmütze mit weißem Watterand und einer blinkenden Kugel am Zipfel. Arnold betrachtete die Mütze interessiert. Der Mann setzte sich neben ihn in den Schnee, oder besser: er fiel in eine halb sitzende Position. Er stank nach Alkohol, doch Arnold blickte nur auf das blinkende Licht an der Mütze. "Ho Ho Ho! Ey bissu ´n Elf vonen Nordpol oda so mit daim grünen pulli? Hassu hiea unten was verlorn? Ihr müsst doch jetze mit dem Fetten Sack Geschenke liefan!" sprach ihn der Mann an.
Da wusste Arnold was diese Welt heute zelebrierte. Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse und stand auf. 12+12=24! 24.12.!
Er drehte sich herum ohne dem Betrunkenen noch einen Blick zu schenken. Dann steifte er noch mit den Fingern der linken Hand den Türrahmen als er wieder in das Haus trat und in sein Heim zurück ging. Seine Hausschuhe hinterließen Spuren im Schnee und feuchte Abdrücke im Flur. Spuren die im rechten Winkel um die Ecke bogen. Mittwoch, Mozart! Mittagessen um 13h.

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